Sie kommen heim
Ein Fahnenmeer, Menschen jubeln, brechen in Tränen aus und umarmen sich, als es durch die großen Boxen hallt: „Er kommt heim.“
Rund 65.000 Menschen waren zum Platz der Geiseln gekommen, um etwas zu sehen, was niemand für möglich gehalten hatte: Geiseln, die wirklich freikommen. Unter vielen Teilnehmern herrschte Skepsis bis zur letzten Minute. „Ich würde meinen Zustand als wartende Haltung mit Vorfreude beschreiben“, sagte mir einige Stunden zuvor eine Teilnehmerin im Interview.
Nun kommt einer nach dem anderen frei. Auf großen LED-Videowänden werden Wagenkolonnen gezeigt, immer wieder werden Bilder der Geiseln eingespielt. Es gibt Zuschaltungen zu Videotelefonaten mit den Freigelassenen. Doch immer wieder drängen sich Hamas-Kämpfer in den Vordergrund, sodass man die Geiseln kaum erkennt. Es ist das letzte Aufbäumen ihrer perfiden Propaganda, ein Versuch, zu demütigen. Doch niemand achtet darauf. Die Freude, das Mitfühlen sind zu groß.
Eine Mutter weint und ruft ins Telefon: „Du, mein Sohn, kommst endlich heim. Endlich kommst du heim. Ich liebe dich so sehr.“ Überall fließen Tränen. Die Menschen auf dem Platz der Geiseln fühlen mit, auch wenn niemand wirklich nachempfinden kann, was die Geiseln und ihre Familien durchgemacht haben.
Ein amüsiertes Raunen geht durch die Reihen, als ein Mann sagt: „Es geht mir gut, macht euch keine Gedanken.“ Körperlich und seelisch gezeichnet, spricht er, als käme er von einer langen Reise. Doch sein Dank hallt über den Platz: „Ich danke Elohim, ich danke Elohim.“ Dann erklingt das Schma Jisrael:
„Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer.“
Ein Moment, den man nicht vergisst. Ein Moment, in dem mein Innerstes berührt wird. Ja, es ist der HERR, der das möglich gemacht hat. Er führt aus der Gefangenschaft. Später frage ich mich, ob das den Menschen hier bewusst ist.
Ein Volk erinnert sich an seinen Glauben
In den vergangenen zwei Jahren habe ich immer wieder über das Erwachen des Glaubens in Israel geschrieben. Immer mehr Menschen finden zurück zum gelebten Judentum. Es wurde berichtet, wie Geiseln mit dem Wenigen, das sie hatten, versucht haben, Schabbat zu feiern – mit einem Taschentuch als Kippa, Brotresten und etwas Saft, den sie aufbewahrt hatten. Jeder für sich, und doch verbunden.
Springen wir zurück ins Jahr 2023. Damals war Israel international als eines der beliebtesten Länder ausgezeichnet worden. Israelis galten als hip und interessant. Essenstrends aus der Region fanden ihren Weg nach Europa. Die Wirtschaft boomte. Doch man spürte, dass der Glaube kaum eine Rolle spielte. So zerstritten, wie die Politik war, so gespalten waren auch die Menschen. Ein Leben fernab der Bibel im Heiligen Land.
Heute zeigt sich ein anderes Bild. Ein Volk erkennt, dass es nicht einfach so weiterleben kann. Viele wenden sich Gott zu. Ob das ein Strohfeuer ist oder der Beginn einer geistlichen Erneuerung, wird sich zeigen.
Zeichen der Zeit
Wer Israel durch die Augen der Bibel sieht, erkennt die Zeichen der Zeit. Angesichts des weltweiten Antisemitismus überlegen selbst einst gefestigte Juden, die ihr Land nie verlassen wollten, ob sie nicht doch nach Israel auswandern sollten. Trotz Krieg und der Auseinandersetzung mit dem Iran machen sich viele auf den Weg. Auch die Konstellation derer, die sich gegen Israel sammeln, ist bemerkenswert und sollte uns die Kapitel 38 und 39 im Buch Hesekiel lesen lassen.
Die Gläubigen in Israel, besonders die messianischen Juden, spüren, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Auch wenn die Waffen momentan schweigen, wissen sie, dass dies noch kein Frieden ist.
Menschlicher Frieden in dieser Region bleibt fern. Israel wird heute und in Zukunft wachsam und einsatzbereit sein müssen. Eine Zeit wie 2023 wird es nicht mehr geben. Die Gefahr für die Existenz des Heiligen Landes ist zu groß.
Gnade im Hier und Jetzt
Die Feinde Israels haben ihre Position auf der internationalen Bühne gefestigt. Manche von ihnen sagen, was der Westen gerne hören will. Doch sie sprechen mit gespaltener Zunge. Worte sind nutzlos, wenn ihre Taten, auch wenn sie oft verborgen bleiben, eine andere Sprache sprechen.
Es ist ein geschicktes Taktieren. Israel mag international isoliert erscheinen, doch regional ist es zu einer Macht geworden, die man fürchtet und zugleich respektiert, wie der Historiker Michael Wolffsohn vor wenigen Tagen sagte.
Die Realität ist klar. Wir feiern diesen Moment und danken dem HERRN, dass Geiseln freigekommen sind. Doch wir wissen, es ist kein Frieden, und es kann jederzeit wieder beginnen.
Wie lebt man als Gläubiger in dieser Zeit? Dankbar, hier und jetzt. Nach zwei Jahren voller Terror, Krieg und existenzieller Angst um Leib und Leben weiß man: Es ist Gnade, dass es uns noch gibt. Es ist Gnade, dass wir trotz allem am Schabbat Gottesdienst feiern dürfen. Denn in all dem haben wir immer wieder erlebt, wie treu der HERR ist, wie er beschützt und bewahrt. Mit diesem Vertrauen gehen wir weiter in den nächsten Abschnitt der Geschichte Israels.
Über den Autor:
Benjamin Funk ist freier Mitarbeiter bei amzi. Er lebt mit seiner Frau, Alexandra, und fünf Kindern in Galiläa. Als Ehepaar haben sie das Werk Gilboa Passion Israel gegründet

