Purim im Schatten des Krieges
In Israel feiert man Feste, in guten wie in schlechten Zeiten. Das habe ich schon mehrfach gesagt. Und natürlich haben sie in Friedenszeiten einen anderen Charakter als in Zeiten des Krieges.
Wir waren oft an Purim in einer Synagoge. Die Menschen sind verkleidet, Kinder laufen durch die Reihen, die Geschichte wird gelesen. Immer wenn der Name Haman fällt, wird gebuht, geschrien und geklappert. Es ist laut, lebendig und emotional. Eine biblische Geschichte zum Mitfiebern.
Das war auch in den Jahren davor gut, aber ich hatte vor dem 7. Oktober 2023 manchmal den Eindruck, es sei weit weg. Eine alte Geschichte, eine ferne Bedrohung, ein Ritual, das man kennt, aber nicht mehr wirklich spürt.
Jetzt, im Krieg mit dem Iran, feiern wir wieder Purim. Und plötzlich ist nichts mehr weit weg. Die Worte klingen anders, die Bedrohung hat ein Gesicht. Was früher wie Vergangenheit wirkte, steht nun erschreckend nah vor uns. Zufall oder mehr als das? Worum geht es in dieser Geschichte wirklich?
Die alte Geschichte von Esther
An Purim erinnern sich Juden weltweit an die Geschichte von Esther. Sie bewahrte mit Mut und Klugheit das jüdische Volk in der Diaspora vor der Vernichtung. Ein bemerkenswerter Punkt dabei: Im gesamten Buch Esther wird Gott kein einziges Mal namentlich erwähnt.
Der Auslöser der Bedrohung war ein Komplott Hamans. Davon lesen wir in Esther 3, Verse 1 bis 15. Haman plante die vollständige Vernichtung der Juden im Perserreich.
Esther, eine junge Frau, eine Jüdin, Königin wider Willen, wagte etwas Ungeheuerliches. Sie trat ungerufen vor den mächtigsten Mann ihrer Zeit, ihren Ehemann, Xerxes I., um für ihr Volk einzutreten. Ihr Wort hatte eigentlich kein Gewicht. Ihr Leben stand sogar auf dem Spiel.
Wir wissen, wie es ausging. Nicht die Juden starben, sondern der hasserfüllte Haman. Die Rettung kam. Still. Ohne Wunderberichte. Ohne offene Gottesrede. Und doch ist Gottes Eingreifen spürbar.
Bedrohungen verschwinden nicht einfach
Viele vergessen nach mehr als zweieinhalb Jahren seit dem 7. Oktober, dass die Vernichtung der Juden und die Zerstörung des Staates Israel auch der Plan des Regimes im Iran ist.
Seit der Machtergreifung dieses Regimes vor rund 47 Jahren gehört dieses Ziel zu seiner ideologischen Grundlage. Die Auslöschung Israels ist keine Randnotiz, sondern wurde immer wieder offen ausgesprochen. Für viele im Westen klang das lange wie überzogene Rhetorik. Für uns hier ist es eine reale Drohung, die unsere Existenz betrifft.
Für Gläubige ist es nicht leicht, den heutigen Konflikt einzuordnen. Man möchte glauben, die Welt habe aus ihrer Geschichte gelernt, und doch sehen wir, dass Hass und Vernichtungsfantasien nicht verschwunden sind. Sie treten in neuen Gewändern auf, mit neuen Parolen, aber mit alten Zielen.
Ich gebe zu, es ist schwierig, auf die Weltgeschichte zu schauen. Vieles bleibt uns verschlossen. Entscheidungen werden getroffen, ohne dass wir Einblick haben. Entwicklungen zeichnen sich ab, die wir nicht steuern können, sei es in der großen Weltgeschichte oder in unserem eigenen Leben.
Gottes Wirken im Verborgenen
Genau hier spricht Purim in unsere Zeit. Die Geschichte von Esther zeigt uns, dass Gott Geschichte schreibt, auch wenn sein Name nicht ausdrücklich genannt wird. Er wirkt im Verborgenen, lenkt Herzen und Umstände und gebraucht Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Esther sah zunächst nur eine ausweglose Lage. Ihr Volk war bedroht, sie selbst war in einer gefährlichen Position, und jeder falsche Schritt hätte ihr Leben kosten können. Doch gerade in dieser Spannung wurde sie zum Werkzeug Gottes. Nicht durch spektakuläre Wunder, sondern durch Mut, durch kluge Worte und durch das Vertrauen, dass ihr Schritt nicht ins Leere geht.
Vielleicht liegt darin die Botschaft für uns. Wir sehen Schlagzeilen, hören Drohungen und spüren die Unsicherheit. Wir nehmen wahr, was vor Augen ist, und das ist oft genug beunruhigend. Doch wir sehen nur einen Ausschnitt. Gott sieht das Ganze, auch wenn wir nur Fragmente erkennen.
Im Buch Esther wird sein Name nicht erwähnt, und doch ist er zwischen den Zeilen präsent. In scheinbaren Zufällen, in verschobenen Terminen, in schlaflosen Nächten eines Königs wird deutlich, dass nichts außerhalb seiner Souveränität geschieht.
Wenn wir das mehr verinnerlichen würden, könnten wir ruhiger werden. Nicht gleichgültig, aber gefestigt. Wenn wir mit ihm leben und ihm vertrauen, dann dürfen wir glauben, dass er führt, leitet und Geschichte schreibt, selbst wenn wir seinen Plan nicht sofort verstehen.
Sein Plan vollendet sich, aber er entspricht nicht immer unseren Erwartungen. Er ist größer als unsere Analysen, tiefer als unsere Ängste und weiter als unsere Horizonte.
Purim erinnert uns daran, dass Bedrohung nicht das letzte Wort hat und dass Gottes Wirken oft im Verborgenen beginnt.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Purim.
Ihr Benjamin Funk
Über den Autor:
Benjamin Funk ist freier Mitarbeiter bei amzi. Er lebt mit seiner Frau, Alexandra, und fünf Kindern in Galiläa. Als Ehepaar haben sie das Werk Gilboa Passion Israel gegründet . Außerdem ist er freier TV-Korrespondent bei Fokus Jerusalem.

