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Zwei Wege zu Gott?

 

Von Hanspeter Obrist

Die so genannte „Zwei-Bünde-Theologie“ (im Sinne von zwei Heilswegen) dient manchen Christen als Begründung, weshalb sie die Verkündigung des Evangeliums unter Juden ablehnen. Sie sind der Meinung, dass Jesus den Nichtjuden den Neuen Bund brachte, um sie vom Heidentum zu dem einen wahren Gott zu führen. Die Juden hingegen seien noch immer Teil des Bundes mit Mose, des Alten Bundes, und bräuchten Jesus als Messias nicht. Von daher sei es unnötig und geradezu anmaßend, Juden von Jesus zu erzählen.

 

Jesus – der Messias für Juden und Nichtjuden

Die erste Erwiderung auf diese Haltung ist ein logisches Argument. Wenn Jesus nicht der Messias der Juden ist, dann kann er auch nicht der Messias der Nichtjuden sein. In Johannes 14,6 sagt Jesus: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Dieser Vers sagt, dass niemand – kein Jude und kein Heide – zum Vater kommt, außer durch Jesus, den Messias. Auch Petrus sagte (Apg. 4,12): „In keinem anderen ist das Heil, auch ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden“. Jesus ist für Juden und Nichtjuden gleichermaßen der Schlüssel zur Erlösung.

 

Ursprung der Zwei-Bünde-Theorie

Die Theologie der zwei Bünde (im Sinne von zwei Heilswegen) kam zuerst aus dem Judentum, als es eines Tages nötig wurde, den jüdischen Glauben gegen das Christentum zu verteidigen. Rabbi Mosche Ben Maimon (1135-1204), auch Maimonides genannt, der aus einem Umfeld stammte, in dem das Christentum den Staat und alle wichtigen Positionen kontrollierte, entwickelte folgende Theorie: Der christliche Glaube sei für Nichtjuden geeignet, weil er sie in die Lage versetze, sich von der Götteranbetung zur Anbetung des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs hinzuwenden. Zwar sei ihre Anbetung nicht vollständig entwickelt, da sie die Anbetung Gottes mit der Anbetung eines Menschen (Jesus) vermischt hätten. Aber diese unvollkommene Anbetung Gottes sei immer noch besser als jeder Götzendienst. Dies ist eine noch recht freundliche Theorie im Vergleich zu anderen Meinungen aus dem Judentum, laut denen der christliche Glaube Götzendienst gleichkommt.

 

Theologie der Zwei Bünde

Im frühen 20. Jahrhundert wurde dieser Ansatz durch den jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig (1886-1929) wieder aufgenommen. Rosenzweig stand einmal kurz davor, den christlichen Glauben anzunehmen, wurde dann aber durch die persönliche Erfahrung der Schönheit und Tiefe eines Jom-Kippur-Gottesdienstes in einer Synagoge zurückgewonnen. In seinem Hauptwerk „Der Stern der Erlösung“ (1921) beschreibt er die Zwei-Bünde-Theorie in der Sprache der modernen Theologie. Jesus ist wirklich der Messias der Heiden, argumentiert er, auch wenn er es nicht für die Juden ist. Selbst auf die Aussage in Johannes 14,6 gibt er eine Antwort: Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben für die Heiden, und niemand kommt zum Vater, außer durch ihn. Aber die Juden sind ja schon bei ihrem Vater, durch den Bund mit Mose und Abraham; deshalb haben sie es nicht nötig, erst noch dorthin zu kommen. Der Theologe Reinhold Niebuhr und der Historiker James Parkes, der sich intensiv mit dem Verhältnis von Kirche und Synagoge beschäftigte, gehörten zu denen, die die Zwei-Bünde-Theorie innerhalb eines christlich geprägten Gedankengebäudes installierten. Sie meinten es gut, trafen jedoch damit nicht den für das Neue Testament entscheidenden Punkt (vgl. Eph. 2,11-16): Juden und Heiden können mit Gott und dem Nächsten nur versöhnt werden, wenn sie beide Jesus als Messias, Erlöser und Herrn anerkennen.

 

Das Selbstverständnis Jesu

Johannes 14,6 lässt sich nicht so einfach entschärfen. Jesus sagte diese Worte zu Juden. Das Evangelium war bis dahin überhaupt nur Juden verkündet worden, und es ist im Neuen Testament nicht erkennbar, dass dies eine Botschaft „nur für die Heiden“ wäre. Markus berichtet, dass Jesus nur Stunden später auf die Frage des Hohenpriesters, „Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?“, unmissverständlich zur Antwort gab: „Ich bin es.“ Um dies noch deutlicher zu machen, zitierte er zwei Verheißungen aus dem Tenach (Altes Testament), die auf den Messias hindeuten, Psalm 110,1 und Daniel 7,13: „Und ihr werdet den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen auf den Wolken des Himmels“ (Mk. 14,62).

Die Vorstellung von einem Messias ist durch und durch jüdisch. Alle vier Evangelien stellen Jesus als den dar, der im Tenach verheißen war, der von den Juden, zu den Juden und für die Juden kam – ohne dabei andere auszuschließen.

 

 

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