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Schritte der Versöhnung

 

Von Hanspeter Obrist

Als Menschen, die Jesus ihr Leben anvertraut haben, sind wir herausgefordert, in die Wesensart Jesu hineinzuwachsen (Phil. 2,5). Gott selbst liegt die Versöhnung am Herzen: Die Versöhnung zwischen ihm und den Menschen (2. Kor. 5,19-20) und Versöhnung untereinander. So schreibt Paulus (Röm. 12,17-21): „Vergeltet niemals Unrecht mit neuem Unrecht. Euer Verhalten soll bei allen Menschen als ehrbar gelten. Soweit es irgend möglich ist und von euch abhängt, lebt mit allen Menschen in Frieden. Liebe Freunde, verschafft euch nicht selbst Recht. Überlasst vielmehr Gott das Urteil, denn er hat ja in der Heiligen Schrift gesagt: ,Es ist allein meine Sache, euch zu rächen. Ich, der Herr, werde ihnen alles vergelten.‘ Handelt so, wie es die Heilige Schrift von euch- verlangt: ‚Wenn dein Feind hungrig ist, dann gib ihm zu essen; ist er durstig, gib ihm zu trinken. So wirst du ihn beschämen.‘ Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute.“

 

Im Konfliktfall

Gerade im Nahen Osten wird diese Aufforderung eine herausfordernde Realität. Wie gehe ich als palästinensischer Christ mit den durch Israel erlebten Demütigungen um? Wie gehe ich als messianischer Jude mit der ständigen Angst um, durch einen Selbstmordattentäter umgebracht zu werden? Wie gehen wir als Christen in unserem privaten Kleinkrieg mit anderen Menschen um?

 

Schritte der Versöhnung

1. Abkühlen lassen: Wenn wir erhitzt sind, dann können wir kaum einen kühlen Kopf bewahren und sachlich denken. Bei uns dauert es ca. 20 Minuten, bis der biochemische Prozess einer Aufregung abklingt. Es lässt sich kein Konflikt in der heißen Phase lösen.

2. Den anderen als Person akzeptieren: Solange ich die andere Person nicht ernst nehmen will und sie „dämonisiere“, gibt es keine Möglichkeit des Gesprächs. Als Erstes muss ich den anderen mit seinen eigenen Gefühlen und Erfahrungen ernst nehmen.

3. Zuhören: Es ist wichtig, dem anderen zuzuhören, um zu erfahren, wie er die Sache sieht.

4. Rückmeldung geben: Habe ich dich richtig verstanden, dass nach deinem Empfinden die Sache so und so aussieht? Wenn wir uns die Mühe machen würden, öfter nachzufragen, könnten die meisten Konflikte gelöst werden.

5. Verschiedene Lösungsvorschläge einbringen und gemeinsam bewerten.

6. Gemeinsame Schritte und einen Zeitpunkt der Auswertung vereinbaren. Dort werden dann gemeinsame Kurskorrekturen vorgenommen und das Erreichte gebührend gefeiert.

 

Christen und Versöhnung

Doch was hat dies mit uns als Christen zu tun? Als Christen sollte es einfacher sein, zu Fehlern stehen zu können, weil Jesus uns vergibt, wenn wir Fehler beim Namen nennen (1. Joh. 1,9). Nicht der „Schuldige“ muss den ersten Schritt machen, sondern der, dem es leichter fällt. Wenn wir Gottes Vergebung erfahren haben, können wir auch über unseren Schatten springen.

In vielen Fällen gibt es keine völlige Wiedergutmachung. Diese harte Realität müssen wir akzeptieren und auch den Opfern zugestehen. Wir können aber für sie beten und Gott bitten, dass er ihre tiefen Wunden heilt.

Ebenso müssen wir einsehen, dass wir nicht erwarten können, von der anderen Seite freigesprochen zu werden. Auch dies kann nur Gott in seiner Barmherzigkeit.

Doch gerade unter uns Christen sollte ein Ort zu finden sein, wo man den Schuldigen nicht verurteilt und ächtet, sondern Schuld benennt und einander hilft. Hier gilt die Aufforderung (1. Petr. 4,8): „Vor allem aber lasst nicht nach, einander zu lieben. Denn die Liebe sieht über Fehler hinweg.“

 

Versöhnungsarbeit im Nahen Osten

Die Versöhnungsarbeit Musalaha versucht, Menschen sowohl von messianisch-jüdischer als auch von christlich-arabischer Seite abzuholen und es ihnen in gemeinsamen Unternehmungen zu ermöglichen, die „Anderen“ von einer neuen Seite kennen zu lernen. Es hat sich als weit effizienter erwiesen, etwas gemeinsam zu tun, als sich an einen Tisch zu setzen und miteinander zu diskutieren. Erst wenn ich den Anderen als Menschen sehe, verstehe und schätze, ist die Basis gelegt, auch die kontroversesten Themen aufzugreifen, selbst wenn man inhaltlich unterschiedlicher Meinung ist. Meine persönliche Erkenntnis kann ja nicht der Maßstab für alle Menschen sein. Paulus sagte schon: „Unser Wissen ist Stückwerk“ (1. Kor. 13,9). Dies erfordert von uns großen gegenseitigen Respekt, viel Weisheit im zwischenmenschlichen Umgang sowie Liebe und Gebet füreinander.

 

 

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