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Opfer Jesu – überholtes Gedankengut?
Von Hanspeter Obrist
Ist das Opfer Jesu Mythos oder Wirklichkeit? Als die Kirchenpräsidentin einer Schweizer Kantonalkirche im Zusammenhang mit dem Film „Die Passion Christi“ erklärte, das Opfer Jesu am Kreuz sei heute überholtes Gedankengut, waren etliche Glieder dieser Kirche verwundert.
Opfer im heutigen Judentum
Im rabbinischen Judentum wird heute die Sühnung von Sünden durch Blut vehement abgelehnt. Das Judentum lehrt, dass man durch gute Werke, Einhalten der Religionsgebote sowie ernsthafte Buße und Umkehr Zugang zu Gott haben kann. Die Vorstellung, dass wir als Sünder geboren wurden, ist alles andere als jüdisch, denn nach der jüdischen Lehre wird jeder Mensch unschuldig geboren.
Die ersten Opfer
Der Tenach (AT) sagt dazu, dass die Menschen bis zum Sündenfall mit Gott in einer ungetrübten, natürlichen Beziehung lebten. Sie begegneten Gott und sprachen mit ihm von Angesicht zu Angesicht (1. Mose 2-3). Mit der eigenwilligen Entscheidung, gegen Gottes Anordnung zu handeln, verloren die Menschen dieses Vorrecht. Als Gott die Menschen aus dem Garten ausgeschlossen hatte, konnten sie Gott nur begegnen, wenn sie Tieropfer darbrachten. Auch Noah und Abraham opferten Gott Schafe. Wenn der Mensch sich Gott nahen wollte, war ein Opfer nötig. Eine unverhüllte und offene Begegnung mit Gott gab es nicht mehr, denn dies hätte den Tod zur Folge gehabt (2. Mose 33,20).
Stellvertretendes Opfer
Als Abraham auf Gottes Anweisung hin seinen Sohn Isaak opfern wollte, nahm durch Gottes Eingreifen ein Widder dessen Stelle ein. Es war das erste Mal, dass jemand am Leben blieb, weil ein anderer an seiner Stelle starb (1. Mose 22).
Ein wichtiges Ereignis war auch das Passah. Gott gebot allen jüdischen Familien, Blut von einem Lamm an die Haustüren zu streichen, damit sie vom Gericht Gottes verschont blieben (2. Mose 12,7-13). Das Lamm starb an der Stelle der Erstgeborenen.
Zeit des Tempels
In der Stiftshütte und im Tempel nahmen die Opfer den wichtigsten Platz ein. In 3. Mose 17,11 steht, dass das Blut Entsühnung bewirkt, weil das Leben in ihm ist. Aus diesem Grund dürfen wir auch kein Blut essen. Wer in den Tempel gehen wollte, musste ein Tier opfern.
Gebete statt Opfer
Mit der Zerstörung des Tempels 586 v. Chr. entstand eine neue Situation. Im babylonischen Exil wurde das Beten von Psalmen und das Lesen von Schriftstellen in den Synagogen anstelle der Opfer eingeführt. Die Anrufung Gottes geschah mit festgeschriebenen Gebeten, ohne ein Opfer.
Gebete und Opfer
Der zweite Tempel hatte nicht mehr den gleichen Stellenwert wie der erste. Erstens waren überall Synagogen entstanden und zweitens fehlte im Tempel, gemäß dem Geschichtsschreiber Josephus, die Bundeslade. Als Ersatz spritzte der Hohepriester das Blut des Opfers an den Sockel, auf dem die Bundeslade stehen sollte. Auch gab es im zweiten Tempel keine Gotteserscheinung, wie sie von der Einweihung des ersten Tempels überliefert ist.
Umso stärker wurde die Hoffnung auf den kommenden Messias gerichtet. Die Menschen hielten an den alten Verheißungen fest, dass eines Tages Elia und ein Prophet wie Mose kommen würden (5. Mose 18,18-19). Gott werde dann die Herzen der Menschen verändern (Hes. 11,19) und es werde einen ganz neuen Bund mit Gott geben (Jer. 31,31-33). Bis heute warten die Juden auf diesen Tag.
Der Messias tritt auf
Als Johannes der Täufer auftrat, kam Bewegung in die Messiashoffnung. Jesus offenbarte sich als der Gesalbte Gottes (Messias). Seine Reden forderten heraus. Er sagte von sich, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben sei und niemand zum Vater komme außer durch ihn (Joh. 14,6). An seinem letzten Passahfest sagte er: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird!“ (Luk. 22,20). Er wurde verurteilt, weil er es nicht von sich wies, Gottes Sohn zu sein (Luk. 22,70) und sich so Gott gleich machte (Joh. 5,18). Für die Juden war dies Gotteslästerung. Mit der Kreuzigung Jesu erfüllte sich die Voraussage des Täufers: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“ (Joh. 1,29). Jesus brachte das ewig gültige Opfer.
Die neue Gotteserfahrung
Mit der Auferstehung Jesu und der Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten erlebten die Menschen plötzlich die lang verheißene Herzensveränderung aus Hesekiel 11,19. Wer immer den stellvertretenden Tod Jesu für sich persönlich in Anspruch nimmt, erfährt eine neue Realität Gottes. Jesus verändert Menschen und schenkt ihnen eine neue Beziehung zum himmlischen Vater. Alle Schranken werden zwar nicht aufgehoben, aber die Kraft Gottes wird im Leben real erfahrbar.
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