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Dürfen Nichtjuden den Juden die gute Nachricht von Jesus bringen?
Von Hanspeter Obrist
Am Anfang bestand die Gemeinde Jesu aus Juden. Deshalb stellte sich damals eine ganz andere Frage: Sollen Juden den Nichtjuden das Evangelium bringen? Gott musste an Petrus und den übrigen Aposteln schon einige Überzeugungsarbeit leisten, um ihnen den Blick auch für die Nichtjuden zu öffnen (Apg 10-12).
Heute ist die Situation umgekehrt. Immer wieder werden wir darauf angesprochen, dass wir als Nichtjuden keinen Auftrag hätten, den Juden das Evangelium weiterzugeben, aufgrund unserer Geschichte mit den Juden oder weil dies Jesus einmal selbst bei seiner Wiederkunft tun werde. Ich freue mich von Herzen auf diesen Tag. Doch was ist mit all den Juden, die bis dahin sterben? Sollten sie nicht auch die Möglichkeit haben, von ihrem jüdischen Messias zu hören?
Es ist sehr interessant, dass gegenwärtig Juden mehrheitlich durch das Zeugnis von Nichtjuden zum Messias finden, und umgekehrt auch viele Nichtjuden durch das Zeugnis von Juden zum Glauben kommen. So hat das auch unser Mitarbeiter Mischa Braker erlebt, dem eine Nachbarin sagte: „Ich glaube an deinen Gott.“ Dieser Satz brachte ihn ins Nachdenken und führte dazu, dass er zum Glauben an Jesus fand. Ist es Gottes Humor, um uns aufzuzeigen, dass wir aufeinander angewiesen sind?
Jesus hat seinen Jüngern aufgetragen, allen Menschen die gute Nachricht zu bringen (Matth 28,19-20 / Apg 1,8). Der Gedanke, dass einer Menschengruppe, insbesondere den Juden, diese Nachricht vorenthalten werden soll, ist sonderbar. Jesus kam ja gerade als Messias des jüdischen Volkes (Matth 15,24). Als ich einen messianischen Juden fragte, was er dazu meine, dass einige Nichtjuden es ablehnten, den Juden das Evangelium zu bringen, antwortete er mir: „Ihr habt uns schon in den Holocaust geschickt, wollt ihr uns auch noch in die Hölle schicken?“
Wenn mich mein Glaube völlig überzeugt und er mir auch die tiefste Erfüllung bringt, warum soll ich dann meinem Nächsten dieses Beste vorenthalten? In unserer nachchristlichen Kultur werden Glaubensfragen immer wieder tabuisiert. Wer seinen Glauben offen bezeugt, dem wird vorgeworfen, andere bekehren zu wollen und seine Mitmenschen zum Missionsobjekt zu machen. Doch wird der andere nicht gerade dann zum Objekt, wenn ich an seiner Stelle entscheide, was für ihn gut ist und was nicht? Was er hören soll und was nicht? Wäre es nicht besser, wenn jeder seinen Glauben frei bezeugen darf, wir einander zuhören und dann jeder für sich seine eigene Entscheidung trifft? Hier muss ein neuer Dialog einsetzen, durch den man die innersten Überzeugungen mit anderen teilen lernt.
Jesus kam nicht in diese Welt, weil wir für ihn Objekte sind, sondern weil er uns liebt und weil er uns die Gemeinschaft mit Gott ermöglichen will. Dafür hat er sein ganzes Leben geopfert. Allerdings zwingt er sich niemandem auf (Joh 6,66-67). Doch seine Botschaft ist eindeutig: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, denn durch mich“ (Joh 14,6). Diese Aussage von Jesus wird heute von vielen hinterfragt. Viele glauben, dass alle religiösen Wege zu Gott führen und jede Religion gut sei. Doch dies steht im Widerspruch zu den Aussagen Jesu. Entweder war Jesus ein Lügner oder er ist wirklich der von Gott gesandte Messias, der Juden und Nichtjuden mit Gott versöhnen will.
Von den mittelalterlichen Missionsmethoden der Kirchen, durch die man anderen den eigenen Glauben aufzwingen wollte und sie gegen ihre innere Überzeugung taufte, haben sich die evangelischen Christen verabschiedet. Heute soll und darf sich jeder selbst für seinen Glauben entscheiden.
Sicher gibt es einzelne Christen, die in ihrem Eifer andere bestürmen und sie dabei verletzen. Doch in den meisten Fällen ist es gerade umgekehrt. Wir leben so zurückgezogen in unserer christlichen Subkultur, dass es den anderen schwer gemacht wird, etwas über unseren Glauben zu erfahren. Wir geben ihnen oft gar keine Möglichkeit, an unserem Erleben mit Gott Anteil
zu nehmen. Dabei sehnen sich viele Menschen nach Frieden mit Gott.
Paulus lehrt uns, dass wir unsere Mitmenschen zur Eifersucht reizen sollen (Römer 11,14). Unsere Beziehung mit Gott soll sie herausfordern. Dies kann nur geschehen, wenn Menschen an unserem und wir an ihrem Leben Anteil nehmen können. Auch Juden haben das Recht, die gute Nachricht vom jüdischen Messias zu hören.
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