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Musalaha-Versöhnungsarbeit
Versöhnung Jesus Christus machte durch seinen Tod die Versöhnung der Menschen mit Gott möglich, aber auch die Versöhnung der Menschen untereinander. Gott nahm in Jesus Christus weg, was Rassen und Kulturen voneinander trennt, vgl. Eph. 2. Der Tod Jesu hat heute noch die gleiche Bedeutung wie vor bald 2000 Jahren, auch in dem Land, in dem Jesus Christus geboren, gestorben und auferstanden ist. Um diese Botschaft bekannt zumachen, schlossen sich auf Initiative von Salim Munayer arabische und jüdische Gemeindeleiter in dem Verein "Musalaha" zusammen. Das arabische Wort "Musalaha" bedeutet Vergebung und Versöhnung. Musalaha will als Verein die Versöhnung zwischen Arabern und Juden in Israel fördern. Denn auf Grund der biblischen Aussagen ist der Sühnetod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung die einzige Grundlage für ein friedliches Zusammenleben von Arabern und Juden. Der Verein sieht seinen Auftrag darin, den Dienst der Versöhnung in Israel zu vertreten und konkret werden zu lassen. Die Mithilfe arabisch-christlicher und jüdisch-messianischer Leiter erleichtert die praktische Durchführung, denn sie bringen ihre Erfahrungen in den Dienst von "Musalaha" ein und stellen sich zur Mitarbeit zur Verfügung.
Aktivitäten
Seminare:
Publikationen:
Unterricht über Kulturunterschiede:
Informationen
Viermal jährlich erscheint ein Rundbrief in deutscher Sprache. Bestellen Sie ihn bei der amzi! Auch eine Powerpoint-Präsentation über die Arbeit von Musalaha ist bei der amzi erhältlich.
Unterstützung
Konto Schweiz:
Konto Deutschland:
Zur Homepage von Musalaha in Englisch. zurück zur Übersicht
Musalaha P.O. Box 52110, IL-91521 Jerusalem |
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Musalaha-Rundbrief Frühling 2011 Tiefgreifende Veränderungen in der arabischen Welt Im Januar war ich in Amman (Jordanien). Dabei traf ich mich mit einer Kusine, einer jungen Frau, die flüssig Englisch spricht. Sie kam im Auto, bei sich zwei Handys und einen Computer. Damit schien sie mir ein Beispiel zu sein für die neue aufsteigende Mittelschicht im Nahen Osten. Sie gehört zur Gruppe der jungen Männer und Frauen, die stolz sind auf ihre Erfolge, auf ihre Fähigkeiten vertrauen und sich nach Veränderung sehnen. Natürlich drehte sich unsere Unterhaltung um die zu der Zeit gerade beginnenden Unruhen in Tunesien, Ägypten und anderen Ländern. Ich fragte sie nach ihrer Meinung, und zu meiner Überraschung hatte sie eine sehr klare Ansicht: „Die arabische Welt muss sich ändern.“ Sie brachte ein großes Verlangen nach politischen und wirtschaftlichen Reformen zum Ausdruck. Ihr unverkennbar sicherer Ton blieb mir im Ohr. Er schien bezeichnend für einen tief greifenden Wandel in der arabischen Welt. Nach meiner Rückkehr sprach ich mit meinen Eltern und erzählte ihnen von diesen Gedanken. Sie waren deutlich pessimistischer, als meine Kusine gewesen war, und wollten die Unruhen nicht als Zeichen des Aufbruchs werten. Dies scheint mir typisch für den Unterschied zwischen den Generationen zu sein. Nach dem Aufruhr und der Unterdrückung, die meine Eltern erlebt haben, ist ihre Skepsis verständlich. Dennoch glaube ich, dass wir zu Recht davon sprechen, gerade umwälzende Veränderungen in der arabischen Welt zu beobachten. Und die werden von der jüngeren Generation angeführt. Diese Menschen sind, wie meine Kusine, jung, hoch begabt und gut ausgebildet, englischsprachig, mit der Welt verbunden durch Internet und soziale Netzwerke, motiviert, Veränderungen herbeizuführen und bereit, den Preis für ihre Freiheit zu zahlen. Sie haben jedermann überrascht: die Regime, die sie zu Fall bringen wollen, ebenso wie die Experten und Kommentatoren aus dem Westen. Zu Beginn glaubten viele Beobachter, dass diese Unruhen keine Erfolge zeitigen würden, dass sie unterdrückt werden würden, wie vor Jahren im Iran. Einige dieser pessimistischen Äußerungen gründeten sich wohl auf Vorurteile gegenüber Arabern, wie sie Edward Said in seinem bahnbrechenden Werk Orientalismus beschreibt: Aufgrund des unwandelbaren Despotismus, der Teil des orientalischen Charakters ist, sei die arabische Welt dazu verurteilt, für immer unter Diktatoren zu leben. Dies ist offensichtlich widerlegt, aber es bleibt die Frage: Was kommt als Nächstes? Wie wird der Nahe Osten aussehen, wenn sich der Staub gelegt hat? Unterschiedliche Leute haben mich um meine Meinung gebeten, aber bis jetzt habe ich es immer abgelehnt, mich zu äußern. Ich glaube, dass es arrogant (und dumm) wäre, vorhersagen zu wollen, was geschehen wird, zumal die Veränderungen so schnell vor sich gehen. Aber ich möchte ein paar meiner grundsätzlichen Gedanken über die Situation weitergeben. Nicht im Sinne einer Vorhersage, aber um über die Möglichkeiten, die sich aus diesen Veränderungen ergeben können, nachzudenken.
Wie geht Veränderung vor sich? Wie verbreiten sich Ideen? Die Kirchenhistoriker, die sich mit der Verbreitung des Christentums im Römischen Reich beschäftigen, haben eine Reihe von Bedingungen herausgearbeitet, die einen solchen Prozess möglich machen, und mir scheinen sie der gegenwärtigen Situation nicht unähnlich zu sein. Die berühmten Straßen, zum Beispiel, verbanden alle Enden des Römischen Reiches miteinander und machten das unbeschränkte Reisen möglich. Das römische Postwesen war phänomenal, denn es funktionierte auf der Grundlage des römischen Heeres und angeblich konnte eine Nachricht in 40 Tagen von einem Ende des Reiches zum anderen gelangen. Das war unglaublich effizient und machte eine schnelle Kommunikation möglich. Ebenfalls der Kommunikation zugute kam der Gebrauch der griechischen Sprache als Lingua Franca im östlichen Mittelmeerraum. So konnten Menschen aus verschiedenen Kulturen miteinander sprechen, und der Austausch von Ideen wurde nicht durch Sprachbarrieren gehemmt. Damit hing auch die Übersetzung der Bibel ins Griechische zusammen, die Septuaginta, die es den Menschen ermöglichte, die Bibel selbst zu lesen. Alle diese Aktivitäten, der Ideenaustausch und der Kontakt mit neuen Denkweisen, machten die Menschen überall im Römischen Reich offen für neue Gedanken und bereit, neue religiöse und politische Ideen anzunehmen. Wichtig war auch die Anwesenheit der Juden überall im Reich, insbesondere in den Städten. Das sieht man an den Reisen des Paulus, wie wir sie in der Apostelgeschichte finden. Wir sehen, dass Paulus in jeder größeren Stadt, in die er kam, die Synagoge aufsuchte, sich mit Juden traf und ihnen auf der Grundlage der hebräischen Schriften Jesus verkündigte. Auf diesem Weg wurde die Botschaft von Jesus gehört und immer mehr Menschen, Juden und Nicht-Juden, glaubten an ihn. Heute haben viele ähnliche Faktoren dazu beigetragen, den Aufstand gegen Ungerechtigkeit und das Verlangen nach Freiheit im Nahen Osten zu verbreiten. Die Straßen sind heute im Internet zu finden, wo Blogs, soziale Netzwerke und Youtube-Videos den Protestierenden helfen, sich zu organisieren, Neuigkeiten zu verbreiten und Feuer anzufachen. Diesen weitreichenden Austausch von Gedanken und Informationen, vorbei an der Zensur und Kontrolle durch die Regierungen, gab es vor zehn Jahren noch nicht, und die junge Generation nutzt ihn für ihre Ziele. Bezeichnend ist auch der weitverbreitete Gebrauch der englischen Sprache, das hohe Ausbildungsniveau (und das soziale und politische Bewusstsein, das damit einhergeht) und die allgemeine Bewegung der Menschen weg vom Land und hinein in die Städte. Beim Beobachten der tunesischen und ägyptischen Revolution ist mir der Unterschied zu anderen „Volksbewegungen“ aufgefallen. Ihr Motto war Salmeya, Gewaltfreiheit, zusammen mit einer Interreligiosität, die Muslime und Christen in gegenseitigem Respekt zusammenbrachte, und einer Gleichwertigkeit der Geschlechter. Natürlich sollten wir diese Protestierenden nicht idealisieren; sie sind nicht vollkommen und werden mit Sicherheit Fehler machen, aber man kann sich der Inspiration durch ihr Beispiel nicht entziehen. Auffallend ist das Fehlen der Stereotypen des „zornigen Arabers“, des Steine werfenden, Fäuste schüttelnden und Volksmengen aufrührenden Schlägers, der in der Darstellung der Araber in den westlichen Medien so präsent ist. Stattdessen sehen wir junge Männer und Frauen (mit und ohne Schleier) friedlich marschieren und Freiheit und Demokratie fordern. Diese Erhebungen sind auch für Musalaha von vielfältiger Bedeutung. Vor allem ist es sehr ermutigend zu sehen, dass Menschen aufstehen gegen Ungerechtigkeit und ihre Freiheit verlangen. Für jeden, der für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung arbeitet, ist das ein gutes Zeichen. Es hat unseren Glauben an die Kraft der Basisbewegungen gestärkt. Und der liegt den Methoden von Musalaha zugrunde. Wir arbeiten zwar auch mit leitenden Persönlichkeiten, aber die Welle der Unterstützung von unten, die wir in Tunesien und Ägypten gesehen haben, ist unser eigentliches Ziel. Die Macht des Einzelnen angesichts inhumaner Bürokratie und Unterdrückung wurde vor der ganzen Welt sichtbar gemacht und das zu sehen, ist für jeden, der für Veränderung arbeitet, inspirierend. Und schließlich war es eine Offenbarung, die Reichweite und den Einfluss des Internet und besonders der sozialen Netzwerke wie Facebook zu sehen. Wir haben angefangen, das Internet in unsere Arbeit einzubeziehen, aber hier gibt es für uns noch viel zu lernen und zu wachsen. Es erscheint uns besonders nützlich, denn es ermöglicht Kommunikation über Grenzen hinweg. Vielleicht können wir einander nicht persönlich treffen – aber wir können uns online begegnen! Charles Kraft vom Fuller Theological Seminary hat viel darüber geschrieben, wie Veränderung funktioniert, und man kann sehen, dass manche seiner Beobachtungen (aus christlich-anthropologischer Perspektive) auch auf die jüngsten Ereignisse des Nahen Ostens zutreffen. „Am Anfang der Veränderung steht ein neuer Blickwinkel“, schreibt er. Das bedeutet, dass Wandel da beginnt, wo Menschen anfangen, anders zu denken. Eine solche Veränderung im Denken kann durch viele verschiedene Dinge ausgelöst werden, aber idealerweise kommt sie aus dem Bereich der eigenen Kultur. Oftmals kommt der Auslöser von außen, aber die Veränderung ist effektiver und hat mit größerer Wahrscheinlichkeit positive Folgen, wenn sie organisch und natürlich von innen kommt. Wir haben beobachtet, dass die Veränderungen, die durch das Kommen von Fremden (einschließlich Missionaren) verursacht wird, für die Menschen oft eher zerstörerisch sind. Sie rufen oft psychologische Veränderungen hervor, die zur Demoralisierung und zum Tod von Menschen und ihrer Lebensweise führen. Wir sind darum nicht gegen Veränderung, aber wir achten darauf, welche Veränderungen herbeigeführt werden, durch wen und wie sie eingeführt werden. Die amerikanische Invasion des Irak, zum Beispiel, war ein Versuch, den Irak zu verändern und den Irakern Demokratie und Freiheit zu bringen. Aber der Weg war schwierig, zum Teil deshalb, weil er dem Irak von außen aufgezwungen wurde. Kraft warnt davor: „Konstruktiver Wandel kann nicht von außen aufgezwungen werden. Manipulation von außen kann eine äußerliche Veränderung des kulturellen Verhaltens bewirken. Aber oft gibt es später eine Reaktion gegen diesen Wandel. Diese Reaktionen machen dann rückgängig und zerstören, was immer vorher bewirkt worden ist.“ Im Gegensatz dazu sehen wir in Tunesien, Ägypten und Libyen einen Wandel, der ebenso revolutionär ist, aber „einheimisch“. Das heißt nicht, dass die Veränderung leichter sein wird, aber es bedeutet, dass wir nicht nur einen oberflächlichen Wandel sehen, sondern einen „transformierenden“ (Kraft). Es ist „ein Wandel, der im Herzen der Kultur beginnt, bei Weltsicht und Lebensführung und durch alle Venen und Arterien der Subsysteme unter der Oberfläche weitergeht, bis er alles berührt und verändert hat, was an die neuen Voraussetzungen angepasst werden muss.“ Die Veränderungen, die in den vergangenen Wochen vor sich gegangen sind, und das Tempo, mit dem sie sich vollzogen haben, sind beide beispiellos. Sie gleichen dem Fall des Kommunismus in den frühen 1990ern. Ein solcher schneller Wandel ist nicht vorhersehbar, und die Menschen fragen sich immer, was wohl als Nächstes kommen mag. Es scheint, als ob die Mehrheit vorsichtig optimistisch ist, sich immer auch der Gefahren bewusst, die dieser Wandel mit sich bringen kann. Dennoch, wie auch beim Fall des Kommunismus, bietet unsere Situation ganz besondere Möglichkeiten für die Verbreitung des Evangeliums. Wir haben mutige junge Menschen gesehen, die bereit sind, für ihre Freiheit zu sterben; vielleicht sehen wir sie eines Tages bereit, für den Messias zu sterben. Es ist immer behauptet worden, dass ohne diktatorische Führer nichts den Aufstieg des radikalen Islam im Nahen Osten verhindern könnte. Aber wir haben gesehen, wie Diktatoren aus dem Land gezwungen wurden, ohne dass ein radikaler Islam den entstandenen Freiraum gefüllt hätte. Es ist noch früh, aber was wir gesehen haben, ist ermutigend: junge Ägypter und Tunesier, die aufstehen und Freiheit und Demokratie verlangen. Ich warte ab, was weiter geschieht, und weiß um die Gefahren, aber ich bin mehr als vorsichtig optimistisch. Ich bin inspiriert. Ich hoffe, dass der verjüngte Enthusiasmus, der durch den Nahen Osten zieht und die Stagnation und den Status quo aufbricht, auch dem stagnierenden Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern neues Leben einhauchen wird. Menschen überall im Nahen Osten und überall auf der Welt haben gesehen, dass Veränderung möglich ist. Und das ist es, woran wir glauben und wofür wir arbeiten. Sie ist möglich. Salim J. Munayer, Musalaha Direktor bearbeitet von Joshua Korn, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit
Neuerscheinung: Du hast gehört, was gesagt wurde Wir freuen uns über das Erscheinen des Buchs von Jonathan McRay. Diese Sammlung von Geschichten ist eine außergewöhnliche Einführung in die Probleme, denen die Anhänger des Messias auf beiden Seiten der israelisch-palästinensischen Trennlinie gegenüberstehen, und zeichnet den Weg nach, den sie sich entschlossen haben, zu gehen. Der Weg zur Versöhnung ist lang und schwierig, und die Schwierigkeiten werden in diesen Geschichten lebensnah dargestellt. Manchmal sind die Geschichten schwer zu ertragen, denn sie zeigen auch, wie viel Distanz noch zu bewältigen ist. Aber die Beispiele der mutigen Menschen, die zeigen, dass Versöhnung möglich ist, spornen zur Hoffnung an. Sie können das (englische) Buch hier bestellen: http://wipfandstock.com/store/You_Have_Heard_It_Said_Events_of_Reconciliation.
Eine Leseprobe: … Ein paar Wochen später goss Raed heißes Wasser in die Teebecher, rührte die schwimmenden Beutel um und brachte mir einen Becher. Ich drehte mich um. „Eine Tasse Tee?“, fragte er erwartungsvoll. Ich verbrühte mir die Zunge, nickte trotzdem und lächelte mit verzerrten Lippen. Raed setzte sich in seinen Ledersessel auf der anderen Seite des Schreibtischs. Vorsichtig nahm er einen Schluck Tee und drückte den Teebeutel aus, bevor er ihn auf eine Serviette legte. Er kratzte sein Stoppelkinn, lehnte sich zurück und schaute aus seinem Bürofenster im ersten Stock von Jemima. Die Wipfel von drei dünnen Bäumen waren gerade eben sichtbar über dem Fenstersims. „Ich wollte dir schon lange etwas erzählen“, begann er langsam, und über seine Augen legte sich ein leichter Schleier, als ob seine Gedanken eine Reise in die Erinnerung anträten. „Ich spielte mit meinem Bruder und meiner Schwester in Beit Sahour, mein Bruder reparierte gerade sein Fahrrad und seine Hände waren... hm ... du weißt schon“ – seine Hände rührten in der Luft, als ob er die Worte aus seinem Munde herausholen müsste – „schwarz, fettig, glaube ich. Das war während der ersten Intifada. Jedenfalls – wir waren in Beit Sahour und wir machten uns auf den Weg zu meiner Tante. Aber bevor wir dahin kamen, hielt uns ein israelischer Jeep an.“ Die drei Kinder gingen weiter, aber die Soldaten sprangen aus dem Jeep und einer von ihnen packte seinen Bruder am Kragen und schrie ihn an: „Warum bewirfst du uns mit Steinen? Guck dir deine dreckigen Hände an! Du hast mit Steinen geworfen!“ „Sie schleppten ihn zum Jeep und wir schrien“, fuhr Raed fort. „Meine Schwester holte meine Familie, und meine Mutter eilte zu uns und fiel auf ihre Knie und bettelte, dass sie nicht ihren Sohn mitnehmen sollten. Aber sie schoben sie zur Seite, auf die Straße. Wenn ich etwas hasste, dann israelische Soldaten. Diese Geschichte hatte ich immer im Kopf, bis ich 2005 zu Musalaha kam.“ Raed hörte von Musalaha als er am Bethlehem Bible College studierte. Salim Munayer war einer seiner Lehrer und ermutigte ihn, auf den Wüstentrip ins Wadi Rum mitzukommen. Aber Raed war nicht wirklich an Versöhnung interessiert, zumindest jetzt noch nicht. „Ich bin eigentlich nur mitgefahren, weil meine Freunde Lust auf einen Ausflug hatten. Aber dieser Trip öffnete mein Denken, und ich merkte, dass ich mit jüdischen Leuten befreundet sein könnte. In der Wüste haben wir uns kennen gelernt, wir saßen rund um das Lagerfeuer und aßen gemeinsam. Ich sah, dass es auf der anderen Seite gute Leute gab, die leiden.“ Aber die Einheit, die Raed in der Wüste erlebt hatte, begann wieder auseinander zu fallen, als er in die Westbank mit ihren Grenzzäunen zurückkehrte. Die Geschichte von den Soldaten und seinem Bruder verfolgte ihn weiter. Und er hasste israelische Soldaten. „2008 passierten innerhalb einer Woche drei Dinge, die mir den Rest gaben mit Israelis und Musalaha“, sagte er und machte eine Handbewegung, als wolle er sie wegscheuchen. „Jedes Mal wurde meine Würde verletzt – und ich konnte nichts dagegen tun!“ Raed war mit Freunden auf dem Weg zum Toten Meer. Sie mussten durch einen der vielen israelischen Grenzkontrollpunkte in der besetzten Westbank. Raed saß im Auto, aß Nüsse aus einer Tüte und beobachtete den Soldaten, der langsam um das Auto herum ging. Schließlich blieb er vor Raed stehen und befahl ihm, auszusteigen. Er musterte Raed und seinen Ausweis. Raed war bemüht, die zunehmende Spannung abzubauen, und bot dem Soldaten seine Nüsse an. Der Soldat schlug ihm die Tüte aus der Hand, und Nüsse und Rosinen flogen in den Dreck. Dann befahl er Raed, sein Hemd auszuziehen und ließ ihn, die Hände über dem Kopf, sich drehen. Raed zitterte vor Zorn, kochte vor Wut über die Demütigung vor den Augen seiner Freunde. Dann warf ihm der Soldat sein Hemd wieder zu und teilte ihnen mit, sie müssten umkehren, sie könnten hier nicht weiterfahren. Ein paar Tage später fuhr Raed mit einem Freund nach Ramallah. Am Checkpoint musste Raed aussteigen; ein Soldat hinter dem Auto bezeichnete ihm, näher zu kommen. Als Raed sich ihm näherte, hob er die Mündung seiner M-16, richtete sie auf Raed und befahl ihm, das Nummernschild laut vorzulesen. Raed lachte und sagte, der Soldat könne es ja selbst lesen. Die Gewehrmündung ging höher und Raed las langsam die Nummer vor. Der Soldat macht sich Notizen auf einem Block und warf dann plötzlich den Stift zu Boden. Er befahl Raed, ihn wieder aufzuheben. Raed weigerte sich. Wieder wurde das Gewehr angehoben. Raed hob die Hände und sagte, dann solle er doch schießen. Er hätte genug von den Demütigungen. Raed konnte den Zorn in den Augen des anderen brennen sehen, dann bückte sich der Soldat, hob den Stift auf und ging davon. In derselben Woche wurde Raed von einer holländischen Familie, die bei Jemima mitarbeitete, gebeten, ihnen Hebron zu zeigen. Raed zögerte nach dem, wie der Anfang der Woche gewesen war, aber dann erklärte er sich bereit, ihnen eine inoffizielle Führung durch das unruhige Labyrinth der Straßen zu geben. Schließlich brachte er sie zum Patriarchengrab, der traditionellen Ruhestätte von Abraham und Sarah, Isaak und Rebekka, Jakob und Lea. Der eine Teil des Gebäudes ist eine Moschee, der andere eine Synagoge. Als sie sich dem Gebäude näherten, begann der Soldat, der davor Wache hatte, Raed anzuschreien. Er dürfe hier nicht mit diesen Ausländern durch. Die holländische Familie protestierte und erklärte, Raed sei ihr Stadtführer für diesen Tag, aber die Wache hörte nicht auf sie. Es gebe unterschiedliche Grenzlinien für unterschiedliche Leute, sagten sie, und Raed könne nicht mit ihnen durchgehen. Das sei eine neue Vorschrift, erklärten sie. „Natürlich“, sagte Raed, „die habt ihr euch gerade ausgedacht!“ Raed musste also draußen warten, während die Familie das Patriarchengrab besichtigte. Einer der Wachmänner fragte ihn, warum er mit diesen weißen Ausländern unterwegs sei, deutete dann mit einer Kopfbewegung auf die blonde Tochter und fragte: „Hast du was mit der?“ „Ich habe damals eine Menge mieser Worte gebraucht für die Israelis“, sagte Raed. „Mein Bild war fertig: die sind meine Feinde.“ Er machte eine Pause. „Eine Woche später bekam ich die Einladung zu einem Musalaha-Wüstentrip...“
Das Ende dieser Geschichte und Raeds Veränderung können Sie in Englisch lesen in: Jonathan McRay, You Have Heard it Said: Events of Reconciliation; Eugene, Wipf and Stock, 2011. Mit freundlicher Genehmigung.
Zwei Völker, eine Stimme im Lobpreis Ende des Jahres 2010 kamen 150 Leute zusammen, standen auf und gaben mitten in Jerusalem ein kontroverses Statement ab. Bei dieser Demonstration aber wurden die Hände in Hingabe erhoben, nicht mit einem Knüppel, die Stimmen hörte man singen, nicht zornig schreien, und die Botschaft sprach von Liebe, Einheit und Hoffnung, nicht von politischen Zielen. Wir taten, was für Gläubige die selbstverständlichste und natürlichste Sache sein sollte, was für viele aber die unfassbarste Vorstellung überhaupt ist. Wir kamen als israelische und palästinensische Gläubige zusammen und lobten unseren himmlischen Vater. Die jüdisch-messianische Gemeinde Shemen Sasson in West-Jerusalem und die palästinensisch-christliche Allianz-Kirche in Ost-Jerusalem hatten sich mit Musalaha zusammengeschlossen, um einen Anbetungsgottesdienst zu veranstalten, in dem nicht nur arabische Lieder und hebräische Lieder gesungen wurden, sondern die gleichen Lieder in Arabisch und Hebräisch. Damit haben wir die Grundfesten der Trennlinien zwischen uns erschüttert. Die Idee zu diesem Gottesdienst entstand im Gespräch zwischen Salim Munayer, dem Leiter von Musalaha, und Sheli Meyers, einer messianischen Anbetungsleiterin. Beide waren sich einig, dass die Gläubigen im Land zur Anbetung zusammenkommen sollten. Dieser Abend übertraf alle Erwartungen, was Sheli später so bezeichnete: „Gott salbte uns alle mit dem Geist der Freude und der Einheit.“ Das Ganze war auch eine logistische Herausforderung. Während die palästinensischen Israelis vom Staat die Erlaubnis haben, in die besetzten Gebiete einzureisen, ist dies den jüdischen Israelis verboten. Umgekehrt ist es den Einwohnern der palästinensischen Gebiete verboten, nach Israel einzureisen. Lediglich während der Weihnachtszeit erhalten viele palästinensische Christen eine einmonatige Erlaubnis, nach Jerusalem zu kommen. Musalaha, Shemen Sasson und die Allianz-Kirche beschlossen also, den Event in dieses Zeitfenster zu legen, Ende 2010, um in Anbetung und Einheit auf das neue Jahr zu blicken. Vor fünf Jahren, in meinem ersten Jahr nach der Einwanderung als optimistische messianische Jüdin aus einer amerikanischen zionistischen Familie, hatte ich mehr mit Palästinensern zu tun als jemals später: Ich lernte fünf Stunden täglich mit ihnen Hebräisch und arbeitete jeden Abend acht Stunden mit ihnen in einem Restaurant. Trotz dieses konstanten, freundlichen Kontaktes mit diesen muslimischen Jerusalemern hatte ich keine tiefe Beziehung zu ihnen und konnte sie sorglos in jede beliebige ideologische oder theologische Schublade schieben, die für mich bequem war. Zum ersten Kontakt mit gläubigen christlichen Palästinensern kam es bei einem Musalaha-Wüstentrip im Herbst des besagten Jahres. In der kargen Wüste erlebte ich den verwirrenden Moment, als ich einigen von ihnen auf der persönlichen, ja sogar geistlichen Ebene begegnete. Ein Moment, in dem ich nicht anders konnte, als sie als Brüder zu bezeichnen. Ich erinnere mich an die Freude und die Verbundenheit in dieser Woche, aber auch an die leise, immer präsente Spannung. Vor allem aber erinnere ich mich an einen Lobpreis, der mich sprachlos machte. Das alles durchziehende Gefühl von Distanz, Zurückhaltung und Feindseligkeit wurde erschüttert, als wir auf beiden Seiten unseren Panzer und unsere Lasten ablegten, um in die Gegenwart unseres Schöpfers zu kommen. Plötzlich schmolz die Spannung dahin, und für ein paar Minuten waren wir einfach Kinder des höchsten Gottes. Natürlich sind wir weiterhin ein Teil dieser Welt, und am Ende der Anbetungszeit legte ich mein Gewand als Frau, Jüdin, brünett, Schuhgröße 38 etc. wieder an und mit ihm alle Assoziationen und Kämpfe. Aber ich verließ die Wüste mit einer neuen Hoffnung: Ich hatte diese Einheit erlebt, war aber auch enttäuscht über ihre Grenzen. Das ist Jahre her, ich war eine naive junge Immigrantin. Dinge, die ich damals weder erwartet noch verstanden hätte, geschahen in den nächsten paar Jahren. Keine dieser Erfahrungen hat bei mir Freudentränen hervorgerufen – bis zu diesem Anbetungsgottesdienst. Wie hätte ich vorhersehen können, dass es nicht nur eine Wiederholung der ehrfurchtgebietenden Erfahrung des Wüstentrips geben würde, sondern eine, die sie um das Zehnfache übertreffen würde? Und das nicht in der neutralen Atmosphäre der Wüste, sondern im hektisch-politischen Zentrum des allzu realen Konflikts? Diese Erfahrung beruht nicht auf dem Tun, als ob es keine Meinungsverschiedenheiten gäbe; sie wurde eher erlangt durch das bewusste Sichvertiefen in diese Probleme, in den geistlichen Kern dessen, wer wir sind. Wenn zwei Seiten miteinander umgehen, gibt es immer Unterschiede, die auf jeden Fall irgendwann angegangen werden müssen. Wie wunderbar ist es aber, wenn die beiden Seiten zuerst ihre Einheit begründet haben im Umgang mit Gott, bei dem es nur Freiheit und Frieden gibt. Ronit Kory, Jugendarbeit
Neues von Munayers Hier sind die Highlights aus dem Leben der Munayers. Viel Spaß beim Lesen und danke für Ihre Gebete! Salim ist während der nächsten Monate auf Reisen und hat auch hier viel Arbeit. Bitte beten Sie für seine Reisen und für uns, die wir zuhause bleiben. Kay bleibt zuhause! Sie arbeitet montags ehrenamtlich im Bethlehem Bible College im Geschenkladen. Sam hat an den israelischen Schwimmmeisterschaften teilgenommen. Im Rückenkraul belegte er den 4. Platz. Und er ist gerade 13 geworden. John hat seinen persönlichen Rekord für 100m Delphin gebrochen, kam aber nur auf Platz 10. Wir danken Gott, dass er sehr gute Noten in Englisch und Biologie bekommen hat. Er macht ein Praktikum im Krankenhaus. Daniel unterrichtete in Aserbaidjan Englisch und kam Ostern wieder nach Hause. Bitte beten Sie für Weisheit: dass er Gottes Willen erkennt, was und wo er studieren soll. Jack ist auf Wohnungssuche für sein 2. und 3. Jahr an der Universität ab Oktober. Aus irgendeinem Grund muss er jetzt suchen ... Wohnung und Wohnungsgenossen. Jack lässt sich nie aus der Ruhe bringen, er wartet ab. In der Zwischenzeit hat er noch Arbeiten zu schreiben und Prüfungen abzulegen, er genießt sein Studium und seinen neuen Job. Ferienpläne 2011 Bitte beten Sie für eine gute Zeit und Dinge, die wir gemeinsam genießen können. Bis jetzt sieht es so aus, als ob vier von uns fahren werden, die beiden anderen entscheiden sich später. Bitte beten Sie um Geduld, Verständnis und Flexibilität. Kay Munayer für den Rest der Familie
Neue Gesichter im Büro Ronit ist in einer jüdisch-messianischen Familie in der Nähe von Washington aufgewachsen und 2006 nach Israel eingewandert. Sie verstärkt das Musalaha-Team im Bereich Jugend und junge Erwachsene, nachdem sie ihre zweieinhalb Jahre Militärdienst abgeleistet hat. Sie lebt in Jerusalem und liebt vegetarisches Essen, kontroverse Gespräche, pompöse Filme und das Wunder, dass menschliche Herzen durch Beziehungen verändert werden. Laura Fritz ist Amerikanerin und kam durch „Partners International“ zu Musalaha. Sie hat einen Bachelor für Betriebswirtschaft und hat einige Jahre bei AT&T gearbeitet. 2010 begann Laura mit verschiedenen christlichen Gesellschaften im Nahen Osten, Nordafrika, Großbritannien und Maryland zu arbeiten. Sie arbeitet mit Hingabe für die Einheit der Gläubigen und freut sich auf Arbeit im Bereich Konfliktlösung. Sie genießt es, in Bethlehem zu leben und Neues zu erleben! Judith Kraller, halb deutsch, halb österreichisch, 21 Jahre alt und Volontärin bei Musalaha. Judith liebt Reisen ins Ausland und stillt ihren Abenteuerdurst mit Motorradfahren, Fremdsprachenlernen, Sport, Freunden und Musik. Bevor sie zu Musalaha kam, hat Judith in einer Rockband Gitarre gespielt. Sie studiert International Business in Österreich.
Musalaha-Rundbrief Winter 2010 Philipper 2: Demut Bei den letzten Mitarbeitertreffen haben wir uns mit dem zweiten Kapitel des Philipperbriefs beschäftigt, in dem Paulus über das Kommen Jesu in unsere Welt schreibt. Dieses Kommen war ein bedeutsamer Schritt, denn Jesus musste seine Stellung voll Macht, Ehre und Herrlichkeit in Gottes himmlischem Reich aufgeben. Aller Reichtum der himmlischen Welt hatte ihm zur Verfügung gestanden, aber er stieg hinab und wurde für uns zu einem Sklaven. In Philipper 2,7 heißt es: Aber er machte sich selbst zu nichts, er nahm Knechtsgestalt an...und der Gestalt nach wie ein Mensch... Der Schöpfer macht sich selbst zu einem Geschöpf. Lasst uns das im Auge behalten, wenn jetzt die Weihnachtszeit wieder beginnt und wir der Geburt Jesu in Bethlehem gedenken. Er kam als Mensch auf die Welt: verletzlich und gering. Er wurde in einem Stall geboren, zwischen Hirten und Tieren. Im Nahen Osten (damals wie heute) ist Gastfreundschaft ein hoher kultureller Wert, daher scheint die Niedrigkeit Jesu hier besonders auf. Jemandem die Tür zu weisen, und noch dazu einer schwangeren Frau, ist fast undenkbar – und doch geschah es, als Jesus zur Welt kam. Er kam nicht als Kriegsherr und König, er verlangte keine Macht und Anerkennung – er kam als Sohn eines einfachen Zimmermanns. Jesus entäußerte sich all dessen, was königlich und edel war. Er nahm menschliches Fleisch an und wurde der Gestalt nach wie ein Mensch erfunden, erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz. (Philipper 2,8) Jesus tat all das willentlich, um für uns eine Rettung möglich zu machen, die wir nicht verdienen. Die Menschwerdung Christi ist auch im Versöhnungsprozess wichtig, denn um uns mit unseren Feinden versöhnen zu können, müssen wir uns selbst erniedrigen. Jesus gab uns ein vollkommenes Beispiel dafür. Die Lage in unserem Land ist sehr schwierig. Auf beiden Seiten verlangen die Menschen Anerkennung, sind aber nicht bereit, selbst welche zu geben. Sie fordern die Anerkennung ihrer Identität, ihrer Rechte, ihrer politischen oder theologischen Positionen und machen diese Anerkennung zur Voraussetzung für Gemeinschaft. Wir alle denken, wir seien im Recht, und die, die anderer Meinung sind, seien im Unrecht. Das ist ganz normal. Aber wir dürfen nicht den Fehler machen, die Gemeinschaft mit anderen abzulehnen, nur weil sie anderer Ansicht sind. Wir müssen demütig bleiben und mit der Möglichkeit rechnen, dass auch wir falsch liegen. Paulus schreibt: Tut nichts aus Eigennutz oder eitler Ruhmsucht, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst. (Philipper 2,3) Es gehört zu unserer menschlichen Natur, dass wir immer mehr Macht und Vorrechte suchen. Wir wollen immer unsere Lage verbessern durch einen besseren Ausweis, eine bessere Schule, einen besseren Job, ein höheres Gehalt oder ein größeres Haus. Aber wenn wir auf das Beispiel sehen, das Jesus uns gegeben hat, sehen wir, dass er eine andere Richtung verfolgte: Er gab freiwillig seine Vorrechte und seine Macht auf und kam herab auf die Ebene eines menschlichen Sklaven. Um uns zu erreichen und um die Menschheit mit Gott zu versöhnen, kam Jesus bis auf unsere Höhe herab und räumte alle Hindernisse aus dem Weg, die uns von Gott trennten. Wir sollen dasselbe tun. Wir sollen auf unsere Feinde zugehen, dort hingehen, wo sie sind, und sie dort treffen. Wir stehen über niemandem und auch nicht darüber, jemandem zu begegnen, besonders nicht unseren Brüdern und Schwestern in Christus. Mehr als alles andere ist es unsere Aufgabe, Gemeinschaft und Versöhnung miteinander zu suchen. Die Gegebenheiten des Konflikts haben uns voneinander getrennt, und unser Ärger und unsere Furcht halten die Trennung aufrecht. Dabei sind wir dazu berufen, anders zu sein und die Welt durch unser Beispiel herauszufordern und zu verändern. Wir sollen tadellos und lauter sein, unbescholtene Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, und wir sollen leuchten wie Himmelslichter in der Welt (Philipper 2,15). Verletzlich und gering, wie der Baby-König – so werden wir die Welt verändern. Salim J. Munayer (bearbeitet von J. Korn)
Konflikttransformation: „Sound & Sand“ Evan und Maala Thomas als messianische Israelis und Tanas Al Quassis und Nussi Khalil als palästinensische Christen leiteten eine Freizeit im pazifischen Nordwesten der USA. Mit dabei waren 18 junge Erwachsene, die sich überwiegend nicht kannten. Dazu kamen neun junge amerikanische Christen und zwei Leiter (Shari Monson und Lance Brown), die uns bei unserer Ankunft in Washington im Empfang nahmen. 24 Stunden später brachen wir auf zu einer Woche in der Wildnis der Berge. Es war der erste Teil eines faszinierenden Projekts, dem wir den Namen „Sand & Sound“ gegeben haben: „Sound“ weil die Heimatgemeinde, Chapel Hill Prersbyterian of Gig Harbor, wunderbar oberhalb des Puget Sound (Meerenge) liegt, und „Sand“, weil der zweite Teil über Passah im April 2011im Wadi Rum stattfinden wird. Unsere Gastgeber hatten sich diesem Projekt verschrieben, einfach weil sie etwas in die Leben der jungen Leute aus unseren zerstrittenen Gemeinschaften „aussäen“ wollen. Sie machten es uns möglich, ihnen als Lehrer die Grundsätze biblischer Versöhnung nahe zu bringen. Dadurch hatten auch ihre eigenen jungen Erwachsenen die Gelegenheit, an diesem wichtigen Prozess teilzunehmen und das mitzuerleben, was für uns der wichtigste Teil unseres Lebens als (messianische) Christen ist. Wir bewundern die mutige Initiative von Chapel Hill für diese außergewöhnliche Investition von Arbeitskraft und Geld. Zum ersten Mal hat eine einzelne Gemeinde solch eine Unternehmung gestartet und hatte es auf dem Herzen, in unserer unruhigen Region etwas zu verändern. Unser Musalaha-Team ist mit gemischten Gefühlen gestartet – würden die amerikanischen Erfahrungen unserem Versöhnungsprozess förderlich sein? Vom ersten Tag in den Bergen an haben unsere jungen Teilnehmer nichts zurückgehalten – sie sind von ganzem Herzen in eine wirklich geistliche Gemeinschaft miteinander eingetreten. Entgegen unserer Besorgnis sahen wir schnell, dass unsere Aufgabe nur darin bestand, einige grundlegende biblische Werkzeuge und den sicheren Rahmen bereitzustellen, damit die jungen Leute all das erfahren konnten, was Gott für sie ersehnte. Wunderbare Waldwege, Gletscherströme und blumenübersäte Bergwiesen ließen unsere Herzen höher schlagen. Mit der Herausforderung durch das Wort Gottes, mit Aktivitäten wie Theater, Diskussionsgruppen und Gebet sahen wir, wie um uns herum junge Leben verändert wurden. Dieser einzigartige Prozess der gegenseitigen Entdeckung und der Grenzüberschreitung, ob tatsächlich oder in der Vorstellung, ist etwas sehr Kostbares. Auch wir als Veranstalter erlebten, wie unser Leben geistlich berührt wurde, als wir sahen, wie unsere jungen Israelis und Palästinenser die Grenzen von Volk und Kultur hinter sich ließen und ihre Verbundenheit als Brüder und Schwestern im Herrn zu entdecken begannen. Mit dem Gefühl von Sicherheit und Vertrauen wuchs in der Gruppe auch die Freiheit, einander von den Lasten und Herausforderungen zu erzählen. Natürlich stiegen dabei viele Gefühle hoch, aber sie konnten ohne Verurteilung oder Demütigung ausgedrückt werden. Immer wieder sahen wir, wie die Amerikaner sich vom Herrn zur rechten Zeit als Mediatoren gebrauchen ließen. In den Diskussionsgruppen wurden die Tränen aus Scham oder Ärger schnell ersetzt durch Tränen der Liebe und gegenseitigen Unterstützung. Auch Spaß, Lachen und gutes Essen gehören zum Versöhnungsprozess (Spr. 17,22). So hatte jede Gruppe einen kulturellen Abend vorzubereiten mit Festessen und traditionellen Elementen. Wir erlebten die Aufregung einer palästinensischen Hochzeit, einer Kabbalat Schabbat am Freitagabend und das gute Essen des amerikanischen Thanksgiving. So konnten wir etwas von der Welt der anderen erleben, und damit wuchsen auch die Wertschätzung und das Verstehen untereinander. Beim Theaterspiel konnten wir den kreativen Kräften freien Lauf lassen. Wir erarbeiteten zusammen Aussagen über die Welt, in der wir leben. Theater erweist sich immer wieder als ein kostbarer und geschützter Raum, in dem die schmerzhaften Aspekte des menschlichen Lebens im Licht unseres Glaubens ausgedrückt werden können. Wir freuen uns jetzt schon darauf, das in einigen Monaten in der Wüste fortzusetzen. Die Frage, wie wir unsere neuen Beziehungen aufrecht erhalten können, wurde schon in den ersten Tagen beantwortet: Facebook, E-Mail und Skype. Das sind die Segnungen unserer Zeit. Da gingen Fotos, E-Mails und Ermutigungen zwischen allen (auch uns) hin und her. Dieser erste Teil war ganz offensichtlich ein überwältigender Erfolg. Über Passah 2011 werden wir in der Wüste weitermachen – auf solider Grundlage und im Vertrauen auf die Gnade Jesu. von Evan Thomas, Mitglied des Musalaha-Komitees
Nachtreffen der jungen Erwachsenen Neulich habe ich am Nachtreffen für die jungen Erwachsenen teilgenommen. Mit etwa 30 Leuten trafen wir uns für ein Wochenende in Talita Kumi, einer Schule in Beit Jala. Wir haben zusammen israelische und palästinensische Filme geschaut und besprochen. Das war eine Neuheit bei Musalaha, aber es war eine gute Weise, mit dem Thema Geschichtsdarstellung weiterzumachen, mit dem wir uns im Frühjahr befasst hatten. Denn Filme sind mittlerweile zu einem beherrschenden Faktor für unsere Geschichtsdarstellung geworden und auf vielerlei Weise prägen sie uns und unsere Sicht der Geschichte. Sie sind visueller und virtueller Ausdruck unserer kollektiven Identität. Wenn wir die Filme der anderen sehen, erfahren wir etwas über ihre Kultur, ihre Gesellschaft und Geschichte. Das zu tun, ist ein Zeichen für eine vertiefte Beziehung. Denn wenn wir einander besser kennen lernen, werden wir mehr Mitgefühl füreinander entwickeln und einen weiteren Horizont bekommen. Die Auswahl der Filme war natürlich sehr wichtig und der Entscheidungsprozess entsprechend schwierig. Ursprünglich wollten wir nur Filme zeigen, die sich ausschließlich mit Kultur und Gesellschaft befassen und zeigen, wie das normale Leben in Israel oder Palästina aussieht. Filme über den Konflikt wollten wir vermeiden, denn wir befürchteten, dass sonst die politischen Aspekte alles andere überlagern würden. Das Problem war nur, dass wir keine Filme finden konnten, die nicht vom Konflikt handeln! Das ist bei palästinensischen Filmen noch stärker der Fall als bei israelischen, aber es war uns auch wichtig, hier eine gute Balance zu haben. Schließlich entschieden wir uns für Filme, in denen zwar der Konflikt vorkommt, die aber auch etwas zu sagen haben über israelische und palästinensische Kultur. Als israelischen Film wählten wir Waltz with Bashir und als palästinensischen Paradise Now. Die Filme sind sehr verschieden, aber in manchem auch sehr ähnlich. Beide sind nach innen gerichtet, d.h. sie wollen Probleme innerhalb der israelischen, bzw. palästinensischen Gesellschaft ansprechen. Beide legen auch großen Wert auf die individuellen, psychologischen Faktoren, die für die Reaktion eines Menschen auf Konflikte und ausweglose Situationen verantwortlich sind. Nach diesen beiden schauten wir Ajami, einen Film über Palästinenser und Israelis (und palästinensische Israelis), ihre Beziehungen und wie ihre Leben miteinander verbunden sind. Dieser Film war interessant, denn er zeigt Menschen von beiden Seiten als echte Personen, nicht als Cartoontypen, und er zeigt, dass manchmal auch gute Menschen schlechte Sachen machen und „böse“ Leute vielleicht gute Gründe haben für das, was sie tun. Ich hatte alle Filme schon früher gesehen und sie mir kurz vorher zur Vorbereitung auf das Wochenende alle noch einmal angesehen. Trotzdem war es eine völlig andere Erfahrung, sie jetzt in einem Raum voller Israelis und Palästinenser zu sehen. Es war intensiv – um das Mindeste zu sagen – und kraftvoll. Plötzlich ist man sich all der anderen Menschen im Raum bewusst. Man fragt sich, wie sie reagieren werden, wie sie eine bestimmt Szene empfinden. Lachen sie, oder weinen sie? Interessiert es sie? Oder sind sie gelangweilt? Schlafen sie ein? Und der da gerade den Raum verlässt – ist er verärgert und geht er nur aufs Klo? Nach jedem Film gab es eine Diskussion, die wirklich interessant war und den Blickwinkel sehr bereicherte. Ich war beeindruckt von den Details, die die Teilnehmer erzählten und was sie wahrgenommen hatten. Die Diskussion wurde von Bara’a Deeb, einer palästinensischen Israelin aus Nazareth geleitet, die an der Universität Tel Aviv Filmwissenschaften studiert. Sie begann jede Diskussion mit filmischen und künstlerischen Aspekten und verhinderte es so, dass wir uns unmittelbar auf den politischen Gehalt des Films stürzten. Wir sprachen über Symbolismus, Farben, den Soundtrack und andere Elemente. Dadurch war eine objektivere und leidenschaftslosere Analyse möglich. Jeder konnte über die Filme sprechen und verschiedene Elemente diskutieren, auch wenn er nicht mit allen Aussagen des Films übereinstimmen konnte oder sich verletzt fühlte. Schließlich kamen wir dann zur Diskussion des politischen Gehalts und des Konflikts, aber nun war der Ton und die Atmosphäre der Diskussion schon geprägt: Er war intelligent, respektvoll und fragend. Gegen Ende des Wochenendes teilten wir die Teilnehmer in eine israelische und eine palästinensische Gruppe. Die Israelis sollten ein Poster für Paradise Now entwerfen, die Palästinenser eines für Waltz with Bashir. Das stellte die Gruppe vor die Herausforderung, sich wirklich mit der Bedeutung und der Aussage des Films auseinanderzusetzen. Sie mussten darüber nachdenken, was die anderen wirklich sagen wollten. Durch die Präsentation der Poster konnten die Gruppen einander zeigen, dass sie tatsächlich zugehört hatten und dass sie die Geschichtsdarstellung der anderen verstanden hatten. Beide Gruppen zeigten viel Einsicht im Umgang mit dem Film, den sie darzustellen hatten, und bemühten sich wirklich darum, das Wesentliche des Films und die angesprochenen Probleme zum Ausdruck zu bringen. Dies war für beide Gruppen sehr wertvoll, und der kreative Ausdruck bot eine Möglichkeit, diese schwierigen Filme zu verdauen. Man sollte meinen, dass es ein Leichtes ist, das Wochenende mit Filmegucken zu verbringen – aber es war erstaunlich schwer! Es waren ja nicht einfach irgendwelche Filme und es war nicht einfach irgendeine Gruppe. Zum Schluss waren wir alle emotional erschöpft. Aber auf gute Weise. Als ob unsere Anstrengungen zu etwas Größerem, etwas uns selbst Übersteigendem beigetragen hätten, einem großen Gespräch in beide Richtungen. Es war ein Austausch, kein Monolog. Zusammen Filme anzuschauen, war ein Weg, miteinander ins Gespräch zu kommen, Dinge in Worte zu fassen, die wir sagen mussten. Es fesselt, wenn man etwas auf der Leinwand sieht, mit dem man sich identifizieren kann. Dann sagt man: „Das spricht mir aus der Seele.“ Aber es ist schmerzlich, wenn dann andere Stimmen kommen, die einen verurteilen, ausgeschlossen oder stumm zurücklassen. Es ist wie im wirklichen Leben. Dieses Wochenende war ein weiterer Schritt auf dem langen Weg, miteinander reden zu lernen. Joshua Korn, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit
Neues von Munayers Jetzt ist der Sommer wirklich vorbei. Wir hatten einen guten – sind der Hitze für einen Monat entkommen. Wir waren alle, außer Jack, in England und haben viel unternommen, einschließlich fünf Tagen in Irland. Wie gesagt: alle außer Jack, aber er tut mir deshalb nicht Leid, denn er verbrachte stattdessen zwei Wochen im Staat Washington mit Musalahas „Sound & Sand“ und sie haben ihn schrecklich verwöhnt! Salim war seit seiner Rückkehr nach Israel auf Zypern und in Südafrika. Er hat zwei lärmende Wuwuzelas für John und Sam mitgebracht, die sie auf dem Balkon ausprobiert haben: Glauben Sie mir, man hört sie meilenweit! Wenigstens bis zum nächsten Kontinent. Ich habe nach meiner Rückkehr nach Jerusalem Hausputz gemacht in meinem Haus und in meiner Seele. Ich nenne es aufräumen, aber meine Familie versucht verzweifelt, Dinge vor mir zu verstecken, damit ich sie nicht wegwerfe. Für meine Seele habe ich alle Aktivitäten aufgegeben und warte und schaue und höre nun, was Gott wirklich von mir möchte. Ich lausche und langsam sehe ich ein Bild. Es ist ein Weg und zu meiner Überraschung ist es ein spannender. In der Zwischenzeit drehen sich die Räder des Familienlebens weiter – wie auch anders bei vier fabelhaften Jungen? Jack, 21, hat, nachdem er bei mehreren Musalaha Camps und dem Büroumzug (Kistenschleppen!) geholfen hat, jetzt sein Studium an der Universität in York/England angefangen – Soziologie und Psychologie. Kein einfacher Weg, er ist ausländischer Student dort ohne Geld! Jetzt ist der erste Monat vorbei und soweit man seinen sparsamen Mails entnehmen kann, hat er sich einigermaßen eingelebt. Er hat einen Kulturschock, Lebensschock, Erwachsenwerdensschock – was auch immer, es braucht Zeit. Ein erstaunlicher Zufall Gottes ist es, dass er dort einen Kommilitonen kennen gelernt hat, der in Israel geboren wurde; ich kannte seine Mutter, als er noch nicht geboren war, und habe vor und nach seiner Geburt viel für ihn gebetet. Jack bringt ihm jetzt Hebräisch bei... wer hätte das gedacht? Mal wieder Musalaha! Jack hat die Möglichkeit, dort Dinge auszuprobieren, die er noch nie hatte, wie Unterwasser-Hockey und Fechten. Gut für ihn! Daniel, 18¾, hat bei seinem Schulabschluss zwei Prozentpunkte mehr erreicht als Jack und damit sein Ziel erreicht, seinen Bruder zu schlagen! Was auch immer das Motiv war – er hat die Schule mit guten Noten abgeschlossen. Nach einem Altenpflegepraktikum in England hat er einen JMEM-Kurs in Colorado Springs/USA begonnen. Er gedeiht, hat eine tolle Zeit, lernt etwas, genießt es, 18 zu sein, und platzt vor Energie. Bald geht er für vier Monate weg, um an zwei Orten für unterprivilegierte Kinder/Erwachsene zu arbeiten – wo, wird sich noch herausstellen. Daniels Reden und die endlose Reihe von Freunden, die er immer nach Hause gebracht hat, fehlen uns. Als Jack und Daniel aus dem Haus gegangen sind, habe ich zwei Fahrer verloren und zwei handfeste junge Männer, die hier zuhause meine Sachen die 40 Stufen rauf und runter getragen haben. Eine ziemlich selbstsüchtige Perspektive, aber so ist es. John, 16¾, ist jetzt der Älteste zuhause und versucht eine Balance zu finden zwischen Schule, Prüfungen, Fahrstunden, Schwimmen, Jugendarbeit und Partys. Er besteht seine Prüfungen mit Glanz, hat in Hebräisch sogar 100 Punkte erzielt, womit er im Archiv der Familie Munayer der Erste ist. Mit solchen Ergebnissen, mit seinem Glauben und seinem angenehmen Benehmen können wir uns nicht beklagen. Möge es so weitergehen. Stellen Sie sich vor, heute Morgen hat er beim Aufbruch zu einem Schulausflug die Schlüssel und das Geld vergessen und ich musste um sechs Uhr früh zurückfahren, um sie zu holen. Oh, ja, und John hat an den nationalen Schwimmmeisterschaften teilgenommen, in allen Wettkämpfen den achten Platz belegt und seine Zeiten verbessert. Erstaunlich! Sam, 12¾, liebt es, unter den aufmerksamen Augen und dem Schutz seines Bruders (der natürlich auch eine Pest ist...) an der Highschool zu sein. Sam belegte bei den Schwimmmeisterschaften den vierten Platz in mehreren Wettkämpfen und ist entschlossen, nächstes Jahr eine Medaille zu erringen. Er misst und wiegt sich scheinbar täglich – es ist so hart, auf einen Wachstumsschub zu warten. Aber er wird größer und ist fast – oder schon ganz – ein Teenager. Für mich ist das alles dasselbe. Sie wissen schon, diese Zeit, in der sie streitsüchtig, pampig, beleidigt, charmant und hinreißend zugleich sind. Vier Jahre vorspulen, bitte. Sam ist Susus Lieblingsmensch und sie zwitschert jeden Morgen ganz glücklich, wenn Sam aus seinem Zimmer kommt. Ich weiß, ich klinge voreingenommen, wenn es um diese Jungs geht, aber sie sind wirklich wunderbar. Ich bin ganz besonders dankbar für sie und wie sie ihr Leben leben. Wer könnte sich mehr wünschen? Eine Tochter? Nein, ich würde keinen von ihnen eintauschen! Ich (wir) freuen uns auf Weihnachten – dieses Jahr mit einem Besuch von Jack und nur ganz wenig Basar-Mitarbeit. Was hält die Zukunft für uns bereit? Wir wissen es nicht, aber der leise Wind der Veränderung ist spürbar. Die Reduktion der Hausarbeit mit zwei Kindern weniger ist schön und befreiend. Nur noch 8 Joghurt in der Woche statt 40 lässt den Kühlschrank leiser arbeiten und weniger Wäsche, putzen, kochen – ich könnte so weitermachen, es ist einfach wunderbar. Soviel für heute, danke fürs Zuhören, ich freue mich über jede Antwort, bete für Sie und halte Sie auf dem Laufenden, Kay Munayer für die ganze Familie
Vor Kurzem sind verschiedene Artikel erschienen, die Musalaha und Salim Munayer mit falschen Informationen angreifen. Deshalb möchten wir an dieser Stelle ausdrücklich bekräftigen: Das Ziel der Versöhnungsarbeit von Musalaha ist es, Israelis und Palästinenser miteinander zu versöhnen. Dies führt oft zu Missverständnissen, was die theologische oder politische Position von Musalaha betrifft. Es ist uns wichtig zu betonen, dass Musalaha keine spezifische theologische oder politische Position vertritt. Unser Anliegen ist es, Leute aus unterschiedlichem Hintergrund zur Versöhnung zusammenzubringen, nach dem biblischen Gebot, nach dem Frieden zu streben, und wie es uns Jesus Christus durch sein Leben und seine Lehre vorgemacht hat.
Musalaha-Rundbrief Herbst 2010 Sommervergnügen Im vergangenen Sommer erlebten wir bei unseren zahlreichen Aktivitäten viel Segen. Wir hatten viel Hilfe von Freiwilligen aus dem Ausland. Ohne ihre Hingabe wäre unser Sommerprogramm nicht möglich gewesen. Ganz besonders möchten wir den Teams von der Calvary Community Kirche in Kalifornien, der St. Peters Kirche in Bolton/GB und von YWAM (Jugend mit einer Mission) aus Colorado Springs danken. Noch nie hatten wir so viele Teilnehmer: Fast 520 Personen während zwei Monaten! Auf dem Programm standen das Kinder-Sommercamp, eine Jugendreise in die Schweiz und eine Reise der jungen Erwachsenen in die USA. Zur Zahl der Teilnehmer kommen noch diejenigen hinzu, die nach diesen Veranstaltungen hoffentlich noch in Berührung kommen mit der Botschaft der Versöhnung und Hoffnung, wie z. B. Freunde und Familien der Teilnehmer. Wir können gar nicht in Worte fassen, wie dankbar wir sind für alle Gebete und alle Unterstützung, die wir von Ihnen allen empfangen haben, und für den Segen, den Gott auf unseren Dienst gelegt hat. Noch auffälliger werden die Zahlen dieses Sommers durch die Tatsache, dass die Spannung bei beiden Konfliktpartnern in den letzten Monaten spürbar gestiegen ist, und dass Widerstand gegen die Versöhnung in beiden Lagern laut wird. Natürlich ist nicht jeder gegen die Arbeit von Musalaha – das sieht man auch an diesen Zahlen. Der Widerstand ist eher ein Ausdruck der zunehmenden Spaltung zwischen den beiden Volksgemeinschaften. Die Jerusalem Post zitierte kürzlich eine unter Teenagern durchgeführte Umfrage, die diesen besorgniserregenden Trend bestätigte. Ca. 50% der jüdisch-israelischen Schüler waren der Ansicht, dass den arabisch-israelischen Schülern nicht dieselben Rechte gewährt werden sollten wie ihnen. Und 70% der arabisch-israelischen Schüler bezeichneten sich selbst als palästinensische Patrioten; 20% empfinden sich nicht als Teil dieses Landes. Wenn diese Jugendlichen nicht eine andere Prägung erfahren als die von Hass und Rassismus erfüllte, die sie in ihren Gemeinschaften erleben, können die Dinge nur noch schlimmer werden. Trotz dieser beunruhigenden Zeichen, bin ich zuversichtlich. Bei uns sind die Zahlen gestiegen, und wenn Menschen einmal selbst die heilende und verändernde Kraft der Versöhnung erfahren haben, bleiben sie in der Regel mit diesem Prozess verbunden. Aber wir müssen auch im Bewusstsein behalten, dass Veränderung nur durch den Messias möglich ist. Wir bringen Menschen zusammen und versuchen, einem fruchtbaren Austausch Raum zu geben. Nur Gott kann Herzen verändern. In diesem Rundbrief erfahren Sie mehr über unsere Aktivitäten. Bitte beten Sie weiter für Musalaha – und danke für all Ihre Unterstützung für diese wichtige Arbeit Gottes.
Salim J. Munayer, Direktor
Veränderte Leben und neue Beziehungen Sommerferien sind die Zeit für Camps! Wir erinnern uns wahrscheinlich fast alle an unsere Jugendjahre, als wir im Sommer Ferien z.B. in den Bergen verbrachten und dabei geistliche, geistige und körperliche Erholung und Beziehungen fürs Leben fanden. Bei Musalaha bekommen die Kinder eine ganz ähnliche Möglichkeit. Zusammen mit Kindern, die normalerweise als ihre Feinde bezeichnet werden, machen sie erste Erfahrungen mit Versöhnung. In den Camps in Bethlehem, Hebron und Shaffiya haben fast 500 Kinder lieben gelernt – mit der Liebe, die die vollkommene Verbindung ist.
In Shaffiya kamen alle Mitarbeiter für die letzten Vorbereitungen und die Aufgabenverteilung zusammen, bevor die Kinder kommen würden. Dieses Jahr hatten wir fast 40 israelische und palästinensische Mitarbeiter, die in Gruppen verantwortlich waren für die Vorbereitung der Aktivitäten, die Bibelarbeiten, Spiele, die Schatzsuche, Sketche, Andachten und anderes. Obwohl ich die letzten beiden Monate schon an den Vorbereitungen für das Camp gesessen hatte, gab es noch viel zu tun, und die Kleinigkeiten brauchten wie immer am meisten Zeit. Intensiv sprachen wir über die Einheit unter uns Leitern, die ein Vorbild für die Kinder sein sollte. Wir sind alle sehr unterschiedlich, jeder hat Gaben, die die anderen nicht haben. Jeder hat einen anderen Hintergrund, wir kommen aus verschiedenen Städten und sprechen verschiedene Sprachen. Wir hatten Mitarbeiter, die wunderbar mit Kindern umgehen können, mit ihnen reden, spielen und sie nachts trösten. Andere sorgten für Ordnung, während die Kinder für das Essen anstehen mussten, wieder andere schauten, dass das Essen so schnell wie möglich ausgegeben wurde: am ersten Tag 20 Sekunden, am nächsten schon nur 18... usw. Andere haben administrative Begabungen; manche haben kreative Ideen und können die Kinder mit Sketchen unterhalten, ihnen Handwerkliches beibringen, Spiele mit ihnen spielen, witzige Videos drehen. Die Mitarbeiter, die lehren können, haben die fünf Sprachen der Liebe genommen und vier Bibelarbeiten daraus gemacht. Wir hatten auch Mitarbeiter mit echter Leitungsgabe, mit der Gabe der Ermutigung, Musik und Schauspielerei. Wir arbeiteten alle zusammen und unsere Liebe füreinander in Jesus war sichtbar. Zu Beginn des Camps haben wir uns eines klargemacht: Die Kinder erinnern sich hinterher an die Mitarbeiter, nicht an jede einzelne Aktion. Denken Sie selbst einmal an eine besonders schöne Freizeit: Wer war Mitarbeiter dort und hat er oder sie Sie geprägt? Bei den Musalaha-Sommercamps geht es darum, dass die Kinder Altersgenossen von „der anderen Seite“ kennen lernen und sehen, dass auch sie Menschen sind. Kinder beobachten, wie die Erwachsenen miteinander umgehen, füreinander sorgen, zusammen reden und arbeiten. Dann wollen die Kinder dasselbe tun. Ich habe beobachtet, wie die Kinder miteinander umgingen; manche blieben einfach auf „ihrer Seite“, weil sie die Sprache der anderen nicht sprechen. Aber bei den Jungen z. B. gab es beim Fußballspielen keine Araber oder Juden; da ging es nur um den Ball, die eigene Mannschaft, Torschüsse und Adrenalin. Die Kinder fuhren nach Hause mit Erinnerungen an gemeinsames Schwimmen, das Spielen auf dem großen Fußballfeld, die Farm und all die Tiere, die sorgfältig vorbereitete Schatzsuche und Bibelarbeiten, die sie weiter begleiten werden.
Hätten Sie erwartet, dass die Kinder im Camp Pfannkuchen backen würden? Kinder lieben es, Pfannkuchen zu essen, und viele haben sie im Camp zum ersten Mal gegessen. Als sie wieder zuhause waren, versuchten sie, für ihre Familie Pfannkuchen zu machen. So geschehen im Camp in Beit Sahour, organisiert von der Musalaha-Frauengruppe zusammen mit den örtlichen Pfadfindern. Das Ziel dieser Aktion war es, etwas für die Gesellschaft Sichtbares zu unternehmen. Die Kinder hatten etwas Nützliches gelernt – aber noch wichtiger war, was sie aus der Bibel gelernt hatten. Das gibt ihnen ein felsenfestes Fundament. In der Gegend um Bethlehem lernen die muslimischen Kinder schon in frühen Jahren, den Koran auswendig zu rezitieren. Christliche Kinder lernen dagegen keine Bibelverse mehr auswendig. Die Eltern waren begeistert, nicht nur von den Versen, die die Kinder aufsagen konnten, sondern auch von den Liedern, die sie im Camp gelernt hatten. Neben Spiel und Spaß gab es auch geistliche Angriffe und Schwierigkeiten, aber bei Musalaha haben wir gelernt, mit Widerständen umzugehen. Wir wissen, dass mit der Hilfe, die von oben kommt, alles möglich ist. Durch diese Unternehmung hat Musalaha Beziehungen aufgebaut zu den örtlichen Pfadfindern, die ihrerseits hoffen, am Versöhnungsprozess teilhaben zu können.
Die Furcht bekämpfen Von Louise Thomsen, Leiterin der Frauenarbeit Jedes Jahr gehen wir mit unserem Sommercamp in ein anderes palästinensisches Dorf, um den Kindern dort die Möglichkeit zu geben, eine Woche Spaß zu erleben. Dieses Jahr hatten wir Hebron ausgewählt, die größte und am tiefsten geteilte Stadt in der Westbank (abgesehen von Ostjerusalem) mit 160 000 Palästinensern und 500 jüdischen Siedlern, bekannt für gewaltsame Zusammenstöße. Der palästinensische Teil der Stadt ist ausschließlich muslimisch und gilt als sehr konservativ. Hebron war unbekanntes Gebiet für mich und auch für Musalaha. Ich war seit dem Ausbruch der ersten Intifada nicht mehr in Hebron gewesen, und dieses Camp würde die erste Musalaha-Unternehmung überhaupt in Hebron sein. Ich war schon vorher ein paar Mal an den Camp-Platz gekommen, aber ich muss gestehen, dass ich Angst hatte vor einem Camp in Hebron. Es ist schwer, diese Angst in Worte zu fassen; es war die Angst vor etwas Unbekanntem, Angst davor, als Christ körperlich und verbal angegriffen zu werden, Angst, Hass und Bitterkeit zu begegnen. Und schließlich war es wohl auch eine Angst vor dem Islam, die auf Unkenntnis beruht, auf Vorurteilen und Stereotypen, die ich mir über die Jahre zugelegt hatte. Viele Länder des Westens lehren und ermutigen ihre Bürger dazu, den Islam zu fürchten und zu hassen und Muslime abzulehnen und nicht zu achten. Dieses Gefühl hat seinen Grund in den Taten einiger Muslime und führen dazu, dass alle Muslime verteufelt und entmenschlicht werden. Diese Stereotypen haben wenig Ähnlichkeit mit der Realität. In Bezug auf mein Heimatland Dänemark sagen die Mohammed-Karikaturen alles. Dem Islam wird die Hauptschuld am israelisch-palästinensischen Konflikt gegeben. Dieser Trend ist auch bei den Gläubigen auf dem Vormarsch. Oft wird uns gesagt, als Gläubige sollten wir uns von den Muslimen fernhalten. Man legt uns nahe, den Islam als Bedrohung zu sehen. Im Vergleich zur Versöhnung scheint Kampf der schnellere und kürzere Weg zu sein. Vielleicht wird das Wort ‚Hass’ nicht benutzt – es erscheint vielleicht zu hart, aber ist das wirklich ein Unterschied? Dazu kommt noch eine gewisse Arroganz. Als Christen sehen wir uns als die Überlegenen: Wir betrachten die Muslime als ungebildet, primitiv, fanatisch und darum gewalttätig. Ich bin sicher, dass es Muslime gibt, die aus ganz unterschiedlichen Gründen Christen hassen, aber ich glaube auch, dass es viele Christen gibt, die Muslime hassen. Dieser Haltung begegne ich auch bei Musalaha-Veranstaltungen. Gläubigen der anderen Seite zu begegnen, ist eine Sache. Auch Nichtgläubige zu treffen ist denkbar. Aber vielen widerstrebt es, Muslime zu treffen und mit ihnen umzugehen. In den vergangenen Jahren hat Musalaha Aktivitäten angestoßen, die Brücken zu Muslimen bauen sollten, denn wir glauben, dass wir dazu berufen sind – und dass viele Muslime sehnsüchtig darauf warten. Ich habe bestimmt keine tiefen theologischen Kenntnisse, aber in der Bibel lese ich, dass wir alle Menschen lieben, dem Frieden mit allen nachjagen und jedem Zeugnis geben sollen. Und wir sollen das nicht mit Worten, sondern mit Taten tun. „Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit. Hieran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind, und wir werden vor ihm unser Herz zur Ruhe bringen – dass, wenn das Herz uns verurteilt, Gott größer ist, als unser Herz und alles kennt“ (1. Joh. 3,18-20). Der Sinn dieses Camps für muslimische Kinder war es, mit Taten zu lieben. Solange wir nicht eine bewusste Entscheidung treffen, uns neu zu orientieren, werden wir unweigerlich in eine Angst vor dem Islam hineinwachsen. Meine Ängste wurden in diesem Camp tief beschämt. Während dieser Woche schauten wir uns fünf grundlegende Elemente der Freundschaft an: lieben, geben, vertrauen, loyal sein und einander annehmen; und das alles mit Geschichten und Liedern. Wir strichen eine Mauer rund um die Schule neu an, um der Schule mehr Farbe zu verleihen, machten Schildkröten und andere tolle Dinge beim Basteln, bauten Cola speiende Vulkane, zerschlugen Piñatas (Gefäße aus Pappmaché, die mit Süßigkeiten gefüllt aufgehängt werden) und spielten viele Mannschafts- und Wasserspiele. Als der Worldcup-Song von Shakira aus dem Lautsprecher dröhnte, begannen wir alle, Kinder und Mitarbeiter, zu tanzen. Wir hatten 82 muslimische Kinder im Alter von 7 bis 11 Jahren, 14 Mitarbeiter aus Hebron und 14 Jugendliche und Leiter aus Bolton/GB. Es war ein sehr einfach zu leitendes Camp, denn die Kinder waren alle gut erzogen und respektvoll – besser als alle Kinder, die wir je bei Musalaha hatten. Sie waren gespannt und dankbar für alles, was wir machten, und ich habe während der ganzen Woche kein Gemecker gehört. Jeden Morgen, wenn wir um 8:30 Uhr kamen, standen viele Kinder schon am Schultor und warteten auf uns, manche seit 7:30 Uhr – viel zu aufgeregt, um zuhause zu warten. Mit einem breiten Lächeln auf den Gesichtern fragten sie: „Guten Morgen, Miss, wie geht es Ihnen?“ Am letzten Tag luden wir die Eltern zur Abschiedsparty ein und zeigten ihnen die Videos, die wir gemacht hatten (Sie können sie auf unserer Facebook-Seite sehen). Viele Eltern kamen, die Mehrheit der Frauen in Burka oder Jilbab. Während die Eltern bei uns zu Besuch waren, waren sie nicht im Konflikt gefangen, sondern waren einfach dankbar für das, was ihren Kindern geschenkt wurde. Während dieser Woche haben sich meine Stereotypen alle verflüchtigt, und ich ersetze sie jetzt durch gute Erfahrungen und Beziehungen, die ich geknüpft habe und die mich motivieren, mehr Kontakt zu pflegen mit Muslimen und anderen Menschen, die anders sind als ich – wie Gott es mir gebietet. Ich weiß, dass ich damit umstrittenes Terrain betrete. Manche sagen vielleicht, das sei vereinfacht, aber ich halte es immer noch für wichtig, Erfahrungen weiterzugeben, die Gott uns schenkt, um unser Leben so zu verändern, wie er es gemeint hat.
Geschichtsdarstellungen im Konflikt Von Joshua Korn, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit Wann immer wir Palästinenser und Israelis zusammenbringen, um über den Konflikt zu reden, tauchen verschiedene und einander widersprechende Geschichtsdarstellungen auf. Beide Seiten sehen sich selbst als friedfertige, unschuldige Opfer eines Aggressors. Die israelische Geschichtsdarstellung behauptet, sie seien ins Land gekommen, um Zuflucht zu finden und nur gegen ihren Willen in den Konflikt mit den Arabern gezerrt worden, weil diese nicht bereit gewesen seien, das Land, das Gott ihnen verheißen hatte, zu teilen. Die palästinensische Darstellung besagt, sie hätten seit Generationen friedlich im Land gelebt, bis plötzlich die Zionisten gekommen seien, sie aus ihren Häusern und von ihrem Land vertrieben und schließlich die Nakba (Katastrophe) von 1948 heraufgeführt hätten. In beiden Geschichtsversionen liegt zweifellos etwas Wahres, aber keine von beiden ist die ganze Wahrheit. Im Mai fand in Limassol auf Zypern eine Musalaha-Konferenz zum Thema Geschichtsdarstellung mit 40 erwachsenen Teilnehmern statt. Die jeweilige Geschichtsdarstellung ist eines der größten Hindernisse auf dem Weg zur Versöhnung. Diese Darstellungen sind Geschichten, die unsere Erfahrungen und Handlungen deuten, denn wir ordnen unsere Wahrnehmung immer in Form von Geschichten, die Anfang, Mitte und Ende haben, mit Handlungslinien, „guten“ und „bösen“ Personen. Wir nehmen unser Leben und machen eine Geschichte aus den manchmal zufälligen und willkürlichen Vorkommnissen, um ihm Form und Sinn zu geben. Das gehört zu unserer individuellen Entwicklung und zu unserem Bewusstsein, Teil einer nationalen, religiösen oder ethnischen Gruppe zu sein. Es ist bekannt, dass die Geschichtsdarstellung ein zentraler Bestandteil unserer Identität ist: in der eigenen Erinnerung und Selbstdarstellung oder in der kollektiven Identität von Gruppen, in Religion, Nation, Rasse oder Geschlecht. Sich auf die Geschichtsdarstellung zu verlassen kann in Konflikten problematisch sein, wenn wir nicht in der Lage sind, unsere Sichtweise als subjektive Darstellung wahrzunehmen. Wir glauben, was wir sehen, sei die Wahrheit, alles andere nur Verzerrung. Das ist gefährlich, denn Geschichten sind immer selektiv, sie vereinfachen die Realität, enthalten oft Verallgemeinerungen oder sogar Unrichtigkeiten. Solange wir nicht unsere Geschichtsdarstellung als das erkennen, was sie ist, und ihre Bedeutung sowie ihre Grenzen erkennen, werden wir auf den Trugschluss hereinfallen, die Wahrheit könne immer nur bei einer der beiden Darstellungen liegen. Entweder haben wir 100% Recht – oder die anderen. Dazwischen liegt nichts. Mit dieser Haltung können wir fast jede Handlung für unsere Sache rechtfertigen. Ein solches Denken führt oft zu Angst, Hass und Entmenschlichung.
Die Konferenz begann mit einer Einführung in das Thema Geschichtsdarstellung und ihrer Rolle in Konflikten. Dazu gehörten auch Informationen über den griechisch-zypriotischen/türkisch-zypriotischen Konflikt mit einer Fahrt durch Lefkosia/Nikosia, die geteilte Hauptstadt Zyperns. Beide Seiten der Stadt zu sehen, ließ uns die unterschiedlichen Geschichtsdarstellungen erkennen, und am Abend gab es noch einen Dokumentarfilm über Frauen, die auf Zypern für Versöhnung arbeiten. Obwohl der zypriotische Konflikt anders ist als unserer, konnten wir uns gut hineinversetzen in diese Frauen. Auch sie sprachen von Flüchtlingen, vom Recht auf Rückkehr, von Besetzung und Siedlern. Unsere Teilnehmer sahen erstaunt, dass auf der griechischen Seite das Konfekt „Turkish Delight“ (türkische Süßigkeit) zu „Cyprus Delight“ (zypriotische S.) wird. Dies war ein physisch und emotional sehr anstrengender Tag, aber er öffnete uns den Weg für die Diskussion unserer eigenen Geschichtsdarstellungen und unseres Konflikts. Über der Untersuchung dieses fremden Konflikts hatten wir uns schon ein wenig kennen gelernt und konnten nun die schwierigeren Fragen in einer offenen und freundschaftlichen Atmosphäre angehen. Unsere Konferenz umfasste auch Einheiten mit den Methoden des „Theater der Unterdrückten“. Dabei handelt es sich um eine darstellende Technik, die Teilnahme gleichermaßen von Darstellern und Zuschauern erfordert. Sie ist sehr hilfreich, um Diskussionen über Macht, Zwang, Konflikte und soziale Interaktionen in Gang zu bringen. Der dritte Konferenztag war der längste und anstrengendste. An diesem Tag begannen wir die Arbeit an unseren eigenen Geschichtsdarstellungen. Dazu gehörte die palästinensische Geschichtsdarstellung, ihre Besprechung, Lunch, die israelische Geschichtsdarstellung und Besprechung. Der Ablauf war also quasi symmetrisch, und beide Seiten hörten ihre Geschichte in der Präsentation und Besprechung durch „Insider“. Dadurch wurde viel Druck aus der Besprechung herausgenommen. Dennoch waren diese Einheiten sehr angespannt. Es ist nicht so leicht, der Geschichtsdarstellung der anderen ruhig zuzuhören. Viel Frustration hing in der Luft, und in den Pausen traten harte Diskussionen, harsche Worte, Ärger und Tränen zutage. Dennoch konnten wir auf unsere Beziehungen zurückgreifen, und das machte ein hohes Maß an Verstehen und gegenseitigem Respekt möglich. Ich glaube, das Schwierigste an diesem Tag war das Anhören der Besprechung der beiden Geschichtsdarstellungen. Wenn wir die Darstellung anhören, die uns für den Konflikt verantwortlich macht und als Übeltäter abstempelt, können wir das relativ einfach abweisen, indem wir uns sagen, dass die anderen einfach nicht Bescheid wissen. Aber wenn wir jemandem von unserer Seite zuhören, der darstellt, was wir falsch gemacht haben und was wir zum Konflikt beigetragen haben, ist das viel schmerzlicher. Es ist schwer, jemandem zuzuhören, wie er Mythen auflöst und heilige Kühe schlachtet in einer Geschichtsdarstellung, die uns so lange getröstet hat. Der letzte Konferenztag blieb frei für Diskussionen. Ein palästinensischer Teilnehmer sagte zum Beispiel: „Ich habe mich immer gefragt, wie die Israelis überhaupt ruhig schlafen können nach all den schrecklichen Dingen, die sie getan haben. Aber jetzt, nachdem ich ihre Version der Geschichte gehört habe, verstehe ich ihre Sicht. Das ist für mich ein großer Gewinn. Meine Sicht von diesem ganzen Konflikt ist für immer verändert.“ Ein israelischer Teilnehmer sagte: „Ich war geschockt, als ich gehört habe, dass Palästinenser aus ihren Häusern vertrieben wurden. Das habe ich in der Schule so nicht gelernt. Es hat mich auch zornig gemacht, dass ich von der palästinensischen Geschichte und von ihrem Leiden nichts gewusst hatte. Dagegen möchte ich etwas unternehmen, vor allem durch Bildung.“ Durch die Auswertungen haben wir erfahren, dass Israelis und Palästinenser einverstanden waren mit der Art und Weise, wie ihre Geschichtsdarstellung präsentiert wurde. Sie hatten jeweils das Gefühl, ihre Seite sei gehört und verstanden worden. Das war uns wichtig, denn das hat es ihnen möglich gemacht, sich zu öffnen und bereit zu sein, die andere Seite anzuhören. Die Konferenz hat vielen die Augen geöffnet und viele wollten noch mehr erfahren. Wir merken, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben bis zur Versöhnung, und wie viel Schmerz noch auf beiden Seiten spürbar ist. Aber trotz allem Schmerz und der vielen Hindernisse gibt es Hoffnung. Ein Teilnehmer sagte: „Ich glaube, wir können in unseren Geschichtsdarstellungen den Graben überbrücken. Ich hoffe, dass es zum Frieden führen wird, wenn wir miteinander reden und einander als Brüder und Schwestern sehen – nicht als Feinde. Ich bin zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden.“ Wir sind von Gott dazu berufen, einander einzubeziehen, besonders unsere „Feinde“. Das war die radikale Botschaft des Messias: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt. 5,44). Nur durch die Liebe können wir unsere Aufmerksamkeit von unserem Schmerz weglenken und die anderen mit den Augen des Retters sehen. Das entschuldigt nicht die Ungerechtigkeit, und wo wir sie finden, soll sie benannt und berichtigt werden – aber nicht durch Bitterkeit und Hass, sondern durch Liebe.
Neues von Munayers Ich schreibe dies in den Sommerferien – obwohl ich durch alles, was in den Ferien stattfindet, mehr zu tun habe, als sonst. Jack ist zurück aus England, hat zwei Wochen lang bei den Musalaha-Camps mitgearbeitet und ist jetzt in den USA auf der Musalaha-Freizeit für junge Erwachsene in Gig Harbour (Washington). Daniel feiert seinen Highschool-Abschluss und ist lange Zeiten mit dem Auto unterwegs. Er war als Leiter beim Kindercamp dabei. John hat die erste Abschlussprüfung in Englisch abgelegt. Das ist nur der Anfang, in den nächsten zwei Jahren kommen die anderen Prüfungen. Das klingt vielleicht seltsam, aber so ist unser System hier. Die erste Hälfte der Sommerferien hat er mit der Vorbereitung auf die Landesmeisterschaften verbracht, an denen er unmittelbar vor unserer Abreise nach England in den Urlaub teilgenommen hat. Sam hat den ganzen Sommer über zweimal täglich trainiert für die sieben verschiedenen Schwimm-Wettkämpfe, an denen er bei den Landesmeisterschaften teilgenommen hat. Er hat etliche seiner persönlichen Rekorde gebrochen, und das ist ein großer Erfolg. Ich hatte Mühe, ihn mit Eiscreme wieder aufzupäppeln. Was Salim alles macht, kann ich nicht aufzählen – es ist zu viel, er ist Tag und Nacht beschäftigt. Ich hatte einen abgebrochenen Zahn und zwei Notfall-Besuche beim Zahnarzt. Mit 50 ist es gar nicht so einfach, wenn der halbe Zahn abbricht ... und schmerzhaft ... und teuer. Aber jetzt ist alles wieder in Ordnung. Ich habe verschiedene Listen für jeden von uns für die nächsten Wochen, damit alles klappt und wir alles schaffen, was wir tun wollen. Bis Sie dies lesen, sind wir aus den Ferien längst zurück. Dann wird John auch mit der Musalaha-Jugendgruppe in der Schweiz gewesen sein. Dann wird Daniel zum ersten Mal von Zuhause weggehen und ich werde wieder Tränen vergießen, wie seinerzeit bei Jack. Noch bin ich zu beschäftigt, um viel darüber nachzudenken, und so schiebe ich den Gedanken daran beiseite, wie sehr ich ihn vermissen werde. Herzliche Grüße, Kay Munayer für den ganzen Rest der Familie
Musalaha-Rundbrief Sommer 2010
Vorwärts in Glaube und Gemeinschaft Gott ist in der letzten Zeit sehr gut zu uns gewesen. Sie werden in diesem Rundbrief etwas über unseren Wüstentrip für Jugendliche erfahren, über das Projekt der Brückenbauer und die Frauenkonferenz. Alle drei sind trotz der steigenden Spannung und der Spaltung zwischen Israelis und Palästinensern sehr erfolgreich verlaufen – und das hat wiederum Auswirkungen auf die Gläubigen. Wir sind sehr dankbar für Gottes Segen: Die Beziehungen der Brückenbauer erfuhren spürbares Wachstum in die Tiefe; der Jugendtrip war einer unserer größten bislang mit rund 40 Jugendlichen; die Frauen bearbeiteten das schwierige und sehr kontroverse Thema Geschichtsdarstellung und konnten es in der geborgenen Atmosphäre ihrer Freundschaften diskutieren. Im Mai fuhren wir mit einer Gruppe von 40 jungen Erwachsenen nach Zypern zu einer Konferenz mit demselben Thema – ein neuer Rekord! Gott ist treu: Er spricht zu den Herzen seines Volkes und ruft sie zur Versöhnung. All dies sind positive Zeichen, Ermutigungen in einer Zeit zunehmender Desillusionierung bei israelischen und palästinensischen Christen. Viele bezweifeln, dass es jemals Frieden geben wird; sie sehen die politische Situation immer schlimmer werden und halten Versöhnung für einen naiven Traum. Von Seiten der Palästinenser wird uns „Normalisierung“ vorgeworfen: Die Arbeit für Versöhnung heiße angeblich den Status Quo zu akzeptieren, die Besatzung und das Unrecht. Von israelischer Seit hören wir den Aufschrei „Kompromiss“, als ob die Arbeit für Versöhnung gleichbedeutend wäre mit der Aufgabe des Anspruchs auf das Land und die Legitimierung durch das Wort Gottes. Ich höre diese Argumente mit zunehmender und beunruhigender Häufigkeit. Es ist, als ob wir vergessen hätten, dass wir alle Brüder und Schwestern sind, Glieder an demselben Leib des Messias, und wie wichtig Gemeinschaft für die Gesundheit dieses Leibes ist. Kürzlich habe ich einen kleinen Artikel darüber geschrieben („Fellowship: Breaking the Taboo“); sie finden ihn auf unserer Webseite. Warum die Kritik zunimmt, ist leicht zu verstehen. Die Lage im Land ist schwierig. Jeden Tag liest man entmutigende Nachrichten, egal auf welcher Seite man steht. Wir sind immer noch in Richtung Konflikt unterwegs und entfernen uns immer weiter von Frieden und Versöhnung. In dieser Atmosphäre von Trennung und Zwietracht ist es viel einfacher, Versöhnung fahren zu lassen und über die zu spotten, die immer noch nach ihr streben. Das ist sicherer. Menschen auf der anderen Seite die Hand hinzustrecken, macht verletzlich: Man setzt sich der Ablehnung aus und den Angriffen von beiden Seiten. Hinter der Mauer des Zynismus sind wir deutlich sicherer aufgehoben. Aber Versöhnung ist kein naiver Traum. Sie ist uns von Gott geboten. Paulus schreibt in Epheser 2,14: „Denn er ist unser Friede. Er hat aus beiden eins gemacht und die Zwischenwand der Umzäunung abgebrochen.“ Bei John Yoder gibt es eine inspirierende Auslegung zu diesem Abschnitt: „Normalerweise haben wir die Vorstellung, dass das Kreuz mich über meine Sünde hinweg mit Gott versöhnt und dich über deine Sünde hinweg mit Gott versöhnt. Als Folge davon finden wir uns alle in dem neuen Status des Gerettetseins, jeder einzeln. Aber die Logik des Textes ist eine andere. Das Hindernis (zwischen uns) ist nicht jemandes Sünde. Das Hindernis ist die historische Tatsache, dass wir getrennte Geschichten haben... Zwei fremde Geschichten werden zu einer. Zwei verfeindete Gemeinschaften werden miteinander versöhnt. Zwei einander widersprechende Lebensstile kommen zusammen.“ Wir brauchen die Versöhnung mit Gott (vertikal), aber wenn wir nicht mit unseren Brüdern und Schwestern versöhnt werden (horizontal), dann ist das nutzlos. Apropos Mauern einreißen: Wir planen einen Umzug in ein größeres Büro, das noch einiges an Renovierungsarbeiten braucht. Der Umzug ist nötig, weil wir gewachsen sind. Unsere Mitarbeiter passen nicht mehr ins Büro, und es wäre wunderbar, mehr zusätzlichen Platz für Vorträge, Seminare und Workshops zu haben. Leider wird das ein kostspieliger Umzug, und die monatliche Miete wird auf ca. 6000 Dollar (4880 Euro/ 6925 CHF) steigen. Für die Renovierungsarbeiten sind 60 000 Dollar (48’800 Euro/ 69’250 CHF) veranschlagt. So viel Geld zusammenzubekommen, scheint unmöglich, aber wir vertrauen darauf, dass Gott die versorgt, die Seinen Willen tun wollen. Wenn Sie uns darin finanziell unterstützen können und möchten, sind wir außerordentlich dankbar, und wir bleiben immer abhängig von Ihrem Gebet. Herzlichen Dank Ihnen allen, Salim J. Munayer, Direktor
Wie Josef: Freund, Bruder, Versöhner Es ist Passah, ein paar Tage vor Ostern, 45 israelische und palästinensische Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren sind auf dem Weg gen Süden in die Negev-Wüste. Junge Gesichter am Beginn einer Reise, bereit für eine neue Herausforderung, mühen sich um Versöhnung auf dem alljährlichen Wüstentrip für Jugendliche. Diese Tage werden sie formen, werden physische und geistliche Folgen haben und sie als Einheit näher zusammenbringen. Wie meist zu Beginn unserer Camps standen die israelischen Jugendlichen in Grüppchen von zwei und drei verstreut, kicherten, erzählten und warteten gespannt auf ein neues Abenteuer. In einiger Entfernung davon die palästinensischen Jugendlichen: Genau wie ihre Brüder und Schwestern von der anderen Seite hielten sie sich an die Arabisch sprechenden Leute, Leute aus ihren Gemeinden und solche, die sie noch gar nicht kannten. „Jallah, auf geht’s!“, rief einer der Mitarbeiter, um diese Mafia ähnlichen Knäuel aufzulösen. „Die Herausforderung beginnt“, sagte Daniel Munayer, einer der Jugendmitarbeiter. „Macht euch auf und versucht, mit anderen in Kontakt zu kommen, nicht einfach mit den Leuten, mit denen ihr zusammen gekommen seid, sondern genau die, die anders sind als ihr, die von der anderen Seite sind. Gott ist Liebe. Ihr könnt nicht sagen, dass ihr Gott liebt, wenn ihr nicht auch euren Bruder liebt.“ Schon bald waren die Jugendlichen in die Eisbrecherspiele verwickelt. Danach kam das Abendessen – im Nahen Osten das wichtigste Zeichen für Zusammengehörigkeit. Gleich am ersten Abend erhoben sie ihre Stimmen zum gemeinsamen Lobpreis. Einer der beliebtesten Chorusse war bei den Mädchen ein arabisches Lied. Die Übersetzung lautet: Ich will mit dir gehen, auch in schwierigen Zeiten; dein Name sei gelobt, es gibt kein Leben ohne dich. Nach dem Lobpreis kam die Abendandacht. Im Kreis um die riesigen Flammen sitzend wurden die Jugendlichen aufgefordert, wie Josef zu sein. Er war ein Mann der Versöhnung: „Viele Leute haben sich über Josef geärgert, und oft ärgern sich Leute auch über uns, manchmal ohne Grund. Wie gehen wir mit diesem Ärger um? Wie Josef stecken wir auch manchmal in miesen Situationen. Versuchen wir in solchen Situationen, ein Segen für unsere Feinde zu sein? Wenn wir frei sind im Messias – was machen wir dann mit dieser Freiheit? Auch wir müssen, wie Josef, Versöhner sein. Er hatte sich entschieden, trotz des Unrechts, das er erlitten hatte, Gottes Geboten zu folgen, zu vergeben und seine Brüder zu lieben. Diese Entscheidung brachte seine Familie wieder zusammen, sie konnten überleben, und schließlich geht diese Linie bis zu unserer Erlösung. Und: Versöhnung ist wesentlich für unsere Beziehung zu Gott.“ Mit einer Kamelkarawane durch die weite israelische Wüste zu ziehen, gab den Jugendlichen einen neuen Eindruck von der Güte Gottes für sein Volk und Land. Und da draußen, mitten im Nichts, umgeben nur von ein paar Wüstenpflanzen, pumpten die Jungen ihren Fußball auf und begannen mit einer der erfolgreichsten Arten männlichen Kontaktverhaltens: Sport. Nach den Stunden des gemeinsamen Spiels in der Wüste war aus ihnen eine Einheit geworden. Als dann Schlafenszeit war, zogen die Jungen in die eine Richtung ab, die Mädchen in die andere. Es gab zwar ein paar, die sich absetzen und eigene Zirkel bilden wollten, aber die Leiter brachten sie vorsichtig zurück zur Gruppe, und kurz darauf begann der Schlagabtausch mit Singen und Rappen unter der Leitung von ein paar sudanesischen Teilnehmern. Diese Nacht bildete den inoffiziellen Musalaha-Übergangsritus hinein in einen Kreis männlicher Kameraden. „Ich bin nur mitgekommen, weil ich andere Araber kennen lernen wollte“, sagte Fareed, ein palästinensischer Israeli aus Haifa. „Aber nach dem Fußballspiel und dem nächtelangen Singen mit den Typen habe ich doch Kontakte geknüpft, und wenn ich jetzt nach Hause gehe, habe ich alle kennen gelernt und sehe sie anders.“ In dieser besonderen Nacht wurden die sudanesischen Teilnehmer zu einer Art natürlicher Brücke zwischen den Kulturen. Die Sudanesen sind Flüchtlinge, die aus ihrem vom Krieg zerrissenen Land geflohen sind, um zu überleben, weil dort die Christen verfolgt werden. Die sudanesischen Jugendlichen in unserem Land sprechen fließend Hebräisch und Arabisch und haben sich irgendwie in die israelische Gesellschaft integriert. Während der männlichen Stammesgesänge in der Nacht brachte einer der Sudanesen die Teilnehmer dazu, verschiedene Raps nachzumachen, bis er endlich den gefunden hatte, den er wollte. Es waren die gerappten Worte: Sudan for life (Sudan für das Leben)! Der Satz blieb hängen und tauchte überall in den Spielen, bei Mahlzeiten und unterwegs wieder auf; immer wieder konnte man es hören: Sudan for life! Das heißt nicht, dass es in der Wüste nur eitel Freude gab. Die Wüste hat etwas an sich, was zum Klagen verleitet, das kennen wir aus den biblischen Geschichten. Es gab Klagen über die schrecklichen Wege, die Badezimmer (eine freie Fläche hinter einem Heuhaufen) und natürlich das dauernde Laufen von einer Seite des Camps zur anderen. Und es gab Störungen wie z. B. das Schreien der Esel während der Gebetszeit und das Krähen des Hahnes im Morgengrauen. Aber trotz der Vorurteile, Hindernisse und der Störungen versucht Musalaha immer, die Widerstände zu überwinden. Nicht länger waren die israelischen Kids auf der rechten Seite, die palästinensischen auf der linken. Sie war eine Gruppe von Teenagern, die bereit waren, gemeinsam zu leiden, gemeinsam zu essen und gemeinsam zu beten. Am letzten Abend, als es Zeit für Erfahrungsberichte war, sagte einer der jungen Leiter: „Wenn ihr nach Hause kommt, werden die Leute danach fragen, was Musalaha ist, was Versöhnung ist und was ihr gelernt habt. Es geht aber nicht darum, was wir gelernt haben, es geht darum, was wir getan haben, als wir zusammen gelebt, gegessen, gebetet haben – wir haben Versöhnung gelebt. Wie Josef haben wir uns entschieden, unsere Feinde zu lieben, für sie ein Segen zu sein und mitten im eigenen Leiden Versöhner zu sein.“ Die Wüste kehrt wieder in ihren Ursprungszustand zurück, aber die Worte, die sich tief in die Herzen der Jugendlichen eingegraben haben, klingen dort noch nach: Ich will mit dir gehen, auch in schwierigen Zeiten – dein Name sei gelobt, es gibt kein Leben ohne dich!
Frauen und Geschichtsdarstellung: Die Kunst des Zuhörens Von Louise Thomsen, Leiterin der Frauenarbeit Die Geschichtsdarstellung eines Volkes ist das Erzählen der gemeinsamen Vergangenheit. Sie gibt die Wirklichkeit wieder, wie sie diese Menschen erlebt haben. Eine andere Erzählung kann dasselbe Ereignis zum Inhalt haben, aber aus einer anderen Perspektive. In Konfliktgebieten enthält die Geschichtsdarstellung immer auch die Entstehung des Konflikts durch Verschulden der anderen Seite, die Rechtfertigung des eigenen Handelns als Selbstverteidigung und die fortgesetzte Verletzung der eigenen Rechte durch die anderen. Da diese Erzählung die eigenen Leute als Opfer darstellt, die heroisch das Böse bekämpfen, ist sie ein wirksames Mittel, das Volk und die internationale Gemeinschaft zum Kampf für die eigene Sache zu motivieren. Diese Geschichtsdarstellung wird permanent in den Schulen, in den Medien und Gesprächen wiederholt und ist dem Bewusstsein der Menschen so tief eingeprägt, dass sie als historische Wahrheit empfunden und für die tatsächliche Geschichte gehalten wird. Die Erzählung enthält zwar historische Fakten, dennoch gibt sie nur eine selektive, subjektive und einseitige Sicht der Gesamtwahrheit wieder. Diese Themen wurden auf unserer Frauenkonferenz auf Zypern sichtbar. Zu Beginn der Konferenz teilten wir die 40 Frauen in zwei Gruppen ein, Israelis und Palästinenserinnen. Dann baten wir die Israelis, die palästinensische Geschichtsdarstellung vorzustellen und umgekehrt. Beide Gruppen hatten große Mühe, sich von ihrer eigenen Erzählung zu lösen und die Geschichte aus der Sicht der jeweils anderen darzustellen. Manche mussten immer wieder Sätze einflechten wie: „Aber das kann man so nicht sagen, das ist nicht wahr.“ Andere versuchten zu erklären: „Es stimmt vielleicht nicht, aber es ist ihre Wahrheit, und die sollten wir ja darstellen, egal, ob wir damit übereinstimmen.“ Viele Frauen merkten, dass sie die Geschichtsdarstellung der anderen ebenso wenig kannten wie die Geschichte überhaupt, weil sie nur gewohnt waren, ihre eigene Erzählung zu hören. Die Geschichtsdarstellung vermittelt nur einen Teilaspekt der historischen Wahrheit. Auf der Suche nach der Wahrheit mussten die Frauen die historische Genauigkeit ihrer Erzählung überprüfen und gegebenenfalls korrigieren. Es ist eine Herausforderung, die eigene „Wahrheit“ ändern zu müssen, und manchmal ist diese Erkenntnis ein Schock. Als ich beiden Geschichtsdarstellungen zuhörte, fiel mir auf, dass beide ein Hindernis für Versöhnung darstellen, denn sie beruhen auf zwei sehr unterschiedlichen Grundlagen. Daraus erwachsen viele Missverständnisse in den israelisch-palästinensischen Gesprächen. Die israelische Geschichtsdarstellung gründet in erster Linie auf theologische Auslegungen der Thora und der Bibel – Auslegungen, die von religiösen, säkularen und messianischen Juden wiederholt werden, sobald der Konflikt zum Thema wird. Man sagt, dass es für Versöhnung und Friedensgespräche ein gewisses Maß an gemeinsamer Basis braucht, die die Beteiligten verbindet und ihnen als Begründung dient, sich auf einen Versöhnungsprozess einzulassen. Unter Gläubigen ist diese gemeinsame Basis der Glaube an Jesus Christus als unseren Retter. Darum nennen wir die erste Phase des Versöhnungsprozesses die Halleluja-Phase. Hier kommen wir als Israelis und Palästinenser zusammen, weil wir Brüder und Schwestern sind, und weil wir glauben, dass Gott uns geboten hat, einander zu lieben und Frieden miteinander zu suchen. Unser Glaube ist unsere Wohlfühlzone, die uns zusammenhält, wenn andere Themen uns zu trennen drohen. Dennoch scheint unser Glaube zum Stolperstein zu werden, wenn wir über die Geschichtsdarstellungen reden, denn die unterschiedlichen Auslegungen der Bibel führen dazu, dass wir einander eher aus- als einschließen. Dass wir uns voneinander distanzieren, statt uns anzunähern. Gläubige auf beiden Seiten sagen mir oft, wir sollten uns nicht mit dem Konflikt beschäftigen, sondern auf den Glauben konzentrieren – dann würden wir uns versöhnen können. Aber wenn wir unterschiedliche theologische Interpretationen haben, können wir uns nicht versöhnen, solange wir diese nicht durchgearbeitet und eine Theologie der Versöhnung erarbeitet haben. Wir sind als Menschen nicht in der Lage, uns von einem Konflikt, der uns umgibt, freizuhalten. Wir sind verwickelt in die Geschichtsdarstellung unseres eigenen Volkes, in die theologischen Deutungen, in das Spiel der Mächte und die Gefühle von Ärger und Schmerz, in Schuldzuweisung und Schuld. Das verschwindet nicht einfach, weil wir gläubig sind; es beeinflusst nach wie vor in hohem Maße unser Verhalten. Ich beobachte das, wo immer Gläubige zusammenkommen, und wir haben es auch auf dieser Konferenz wieder gesehen: Beide Seiten nehmen für sich in Anspruch, die ganze Wahrheit zu besitzen. Als die Diskussion begann, waren Schuldzuweisungen ein ganz wichtiger Punkt. Eine Teilnehmerin sagte: „Es ist wichtig, die Probleme zu diskutieren, damit wir eine Grundlage finden, die hält, wenn etwas passiert.“ Der palästinensischen Geschichtsdarstellung liegt eine Opfermentalität und das Verlangen nach Gerechtigkeit zugrunde. Das palästinensische Volk hat während des gesamten israelisch-palästinensischen Konflikts großes Leid und große Verluste erlebt und erleidet sie bis heute. Eine israelische Teilnehmerin sagte: „Das palästinensische Leiden ist größer und intensiver als das israelische.“ Aber in jedem Konflikt gibt es auf beiden Seiten Opfer, und auf beiden Seiten muss der Schmerz anerkannt werden. In der Opferhaltung stecken zu bleiben, lähmt und verlangt immer nach einem Schuldigen für den eigenen Schmerz. Dann aber ist es unmöglich, dem Leiden der anderen zuzuhören. In den Diskussionen brachten beinahe alle Frauen zum Ausdruck, dass der Konflikt in ihrem Leben Schmerz und Leiden verursacht hat. Als wir den unterschiedlichen Zeugnissen zuhörten, begannen die Frauen einander zu fragen: „Was kann ich tun, um deinen Schmerz zu lindern?“ Wir hören so oft die Worte Beschuldigung, Schuld, Entschuldigung, Reue, Vergebung, und vielleicht konzentrieren wir uns manchmal zu sehr darauf. Nicht eine der Frauen sagte hier, sie brauche eine Entschuldigung, oder dass jemand seine Schuld eingesteht und um Vergebung bittet. Was sich die Frauen voneinander wünschten, war angehört zu werden. Höre meinen Schmerz an, mein Leid, meine Wahrheit, meine Geschichte. Und akzeptiere es als meinen Schmerz, mein Leiden, meine Wahrheit und meine Geschichte. Du musst dem nicht zustimmen, aber akzeptiere es. Man möchte einfach Mitleid. Wir sind so festgefahren in unserer Nullsummen-Mentalität von Gewinn und Verlust, die dem anderen die Schuld für den eigenen Schmerz zuschiebt, dass wir das Mitleiden vergessen. Dieses Frauen-Wochenende war ganz dem Zuhören gewidmet – nicht zustimmen oder bestreiten, sondern zuhören und respektieren.
Brückenbauer: Gedanken zu den Erfahrungen meiner Tochter Liebe Leiter des Brückenbauer-Projekts, ich möchte euch einfach einmal danke sagen für die viele Arbeit und euren Mut. Ich habe mit meiner Tochter, die gerade vom zweiten Teil der Brückenbauer zurückgekehrt war, zweieinhalb Stunden zu Mittag gegessen. Es war einer dieser Momente, in denen man als Mutter ein kostbares Geschenk erhält – ich konnte nur noch zuhören. Sie schilderte mir die israelische und die palästinensische Geschichte auf eine Weise, dass ich das Gefühl hatte, sie identifiziere sich ganz mit beiden Seiten. Sie erzählte von Teilnehmern und Leitern und wie nahe ihr euch gekommen seid durch die Geschichten, durch Tränen und Lachen. Sie sprach von den Vorträgen, und wie diese ihr die Augen geöffnet hätten. Dass ihre Identität in Christus bedeutet, frei zu sein, sie selbst zu sein. Dass sie in ihrer Klasse zuhause ebenfalls Feinde hat, die sie lieben sollte; Jungen, die ihre Freundin schlecht behandelt hatten und denen sie darum feindselig begegnete. Ich könnte noch mehr aufzählen. Ich schreibe dies, um euch zu sagen, dass die Unterweisung, die Gemeinschaft, die Zeit, die ihr einsetzt mit den Jugendlichen, eine Investition fürs Leben sind. Ich habe ein paar Kommentare der Teilnehmer gelesen; ein palästinensisches Mädchen hatte letzten Sommer gesagt, es sei ihr nicht so wichtig, Palästinenserin sein, ihre wichtigste Identität sei in Christus. Jetzt, nach dem zweiten Teil der Brückenbauer sagte sie: „Ich bin mit meiner Identität jetzt mehr im Reinen als vorher.“ Eine andere Teilnehmerin sagte: „Ich bin in meiner Identität als Palästinenserin jetzt besser verwurzelt als vorher, und in Gott kann ich wirklich sein, wer ich bin.“ Sie sagte auch: „Mir ist deutlich geworden, dass wir als palästinensische Araber, die in Israel leben, eine Brücke zwischen Israelis und Palästinensern sein können, denn wir gehören zu beiden, wir kennen und verstehen beide Kulturen und Sprachen.“ Es ist uns nicht nur erlaubt, zu sein, wer wir sind, sondern Gott liebt uns gerade in dem, was wir sind: Palästinenser, Israelis, Norweger. Wenn wir sind, wer wir sind, und uns in unserer Identität wohl fühlen, können wir in unserem Leben mit Gott Kraft entfalten – bis in die Gesellschaft hinein. Gesegnet seid ihr, die Friedensstifter, die bereit sind, sich von Gott gebrauchen zu lassen, um Frieden in die Herzen und zu den Menschen zu bringen, die viele für schicksalhaft verfeindet halten. Das bedeutet immer auch Zeit, die ihr nicht mit euren Familien und Freunden zusammen sein könnt, Enttäuschungen, harte Arbeit. Aber liebe Brüder und Schwestern: Es ist es wert! Noch einmal: Danke! Viele liebe Grüße, Jorunn
Neues von Munayers Hallo an alle, die dies lesen! Salim und ich waren im April 23 Jahre verheiratet! Wir sind jede Woche einmal unterwegs zum walken und reden – Fitness und Kommunikation. Wir laufen, und ich rede; Salim nickt und sagt da, wo es nötig ist, „hmm“. Ich bin 50 geworden und wurde mit einer Party in der Talitha Kumi Schule in Beit Jala überrascht: einer der wenigen Orte, wo sowohl meine palästinensischen als auch meine israelischen Freunde mit mir feiern konnten. Vier Wochen lang hatte ich einen hartnäckigen Virus mit Lungen- und Nasennebenhöhlenentzündung. Es war meine erste Lungenentzündung, eine unschöne Erfahrung. Ich huste immer noch. In den letzten Wochen habe ich ein paar Basare gemacht, den Abschluss meines Wellness-Kurses (trotz Krankheit), hatte ein paar Frauen für „Color Me Beautiful“ (CMB) bei mir und war mit CMB auch in Ramallah. Ich bin viel unterwegs mit diesen Aktivitäten in allen Gesellschaftsschichten. Jack hat uns in den Osterferien für eine Woche besucht; er studiert in Jordanien Arabisch. Er hat sich einen Bart stehen lassen, einen rötlichen... Er wird im August am Musalaha-Trip für junge Erwachsene teilnehmen, bevor er im Oktober nach England geht, um in York Soziologie und Psychologie zu studieren. Examen und Examen und noch mehr Examen. Noch zwei Monate durchhalten und dann ist es geschafft... Daniel will den englischen Führerschein machen und hat noch anderen Schreibkram in England zu erledigen. Das Spannendste aber ist, dass er Anfang September mit Jugend mit einer Mission an eine Jüngerschaftsschule nach Colorado Springs in die USA geht. Danach geht es für zwei Monate Praxis nach Thailand oder China. Wie seinerzeit für Jack, so fragen wir auch für Daniel, ob jemand ihn gerne finanziell in seinen Bemühungen unterstützen würde. In diesem Fall melden Sie sich bitte bei mir: kayg@netvision.net.il. Die Kosten werden sich einschließlich Flug auf insgesamt ca. 5.000 $ belaufen. John ist ab September der Älteste zu Hause. Er geht fünfmal in der Woche schwimmen und hat seine Prüfungen für den Abschluss der 10. Klasse angefangen. Diesen Sommer wird er an einem Musalaha-Trip teilnehmen. Daniel und er waren während meiner Krankheit außerordentlich hilfsbereit; treu haben sie mir alles unsere 45 Stufen hinauf und hinunter getragen. Vielleicht möchten sie gerne als große starke Männer gesehen werden, oder vielleicht haben sie ein weiches und hilfsbereites Herz – oder eine Verbindung von beidem? Sam schwimmt und geht ab September auf dieselbe Highschool wie John, er schläft jetzt gerne länger und stöhnt, wenn wir ihn bitten, etwas zu tun. Er stößt tiefe Seufzer aus und schaut Salim und mich an mit einem Ausdruck von „arme alte Leutchen“ in den Augen. Alles sichere Zeichen für den Beginn der Teenagerjahre. Wir werden versuchen, für die nächsten vier Jahre außer Reichweite zu bleiben. Auf ein Neues, tief Luft holen und weitermachen. Susu, unser Vogel, mausert sich für den Sommer. Gestern Abend haben Salim und ich uns lange damit abgequält, über das Internet billige Flüge für den Sommer zu buchen. Wir haben tapfer gekämpft und alles Kichern und die hochgezogenen Augenbrauen der Jungen ignoriert. Wir wollten ihnen zeigen, dass wir es selbst schaffen! Wir werden zu fünft im August nach England fliegen. „Hurra“ von Kay, „ooch“ von Salim (da hat Sam das also her...). August scheint noch weit weg zu sein, vorher stehen noch viele Prüfungen und Schwimmwettkämpfe an, Schreibkram und Impfungen für Daniel, Jacks Vorbereitungen für die Universität, Arbeit, noch mehr Arbeit, Dienst und noch mehr Dienst. Ich bitte Sie, Daniels Bitte im Gebet zu prüfen. Das ist alles für heute – wie immer herzlichen Dank für Ihr Interesse an unserer Familie und unserem Tun! Kay Munayer (für Salim und Jack und Daniel und John und Sam und Susu)
Musalaha-Rundbrief Frühling 2010 Verändertes Leben mitten im Konflikt Von Jonathan McRay Die Dame im Tourismusbüro am Jaffator gibt mir einen farbigen Stadtplan der Jerusalemer Altstadt. „Die Alliance Church“, sagt sie auf meine Frage hin, „ist hier.“ Ihr Finger zeigt auf ein Viertel nur ein paar Häuserblocks entfernt. Ich gehe hinaus in den hellen, strahlenden Tag. Ich bin dankbar für jeden Anlass, der mich in die Altstadt bringt. Die Vielfalt, die hier durch die Straßen flutet, ist faszinierend. Juden, Muslime und Christen schieben sich hier Schulter an Schulter durch, auf dem Weg zum Gebet in Synagogen, Moscheen und Kirchen. Die ganze Welt ist in diesen Gassen unterwegs. Als ich die Alliance Church gefunden habe, lädt mich Jack Sara, der Hauptpastor, mit einer Handbewegung in sein gemütliches Büro ein. Mazzem, der andere Pastor, bringt uns Thymiantee. Jack ist in der Altstadt aufgewachsen, nur ein paar Häuser von da entfernt, wo wir gerade sitzen, in einer römisch-katholischen Familie. Sehr traditionell und nominell. Er war fünfzehn, als die erste Intifada begann. „Ich habe voll mitgemacht bei dem, was die Kinder taten“, erklärt er, während er vorsichtig an dem heißen Pappbecher nippt. „Wir haben Graffiti gesprüht, die palästinensische Fahne gehisst, Flyer für unsere Unabhängigkeit verteilt. Alles, was wir taten, war illegal; ich war mindestens siebenmal im Gefängnis. Nicht für lange, aber immerhin im Gefängnis.“ Jack trat der kommunistischen Partei bei, die bei den palästinensischen Jugendlichen sehr beliebt war. Aber, sagt er, er hatte das Gefühl, kein Ziel zu haben: „Es war ein dauernder Kreislauf, der mich dazu brachte, über mein Leben nachzudenken: Wollte ich, dass das mein Leben war? Protestieren, verhaftet werden, von der Armee und der Geheimpolizei verprügelt werden, dann entlassen werden und protestieren, verhaftet und verprügelt werden. Dieser Kreislauf ging immer weiter. 1991 kam ich das letzte Mal aus dem Gefängnis heraus – und ich wollte etwas anderes finden. Es musste einen besseren Weg geben, meinem Volk zu helfen, vielleicht durch Bildung und Beratung.“ „Ich hatte einen Nachbarn“, fährt Jack fort, „der war gläubig. Sein Leben hat mich immer beeindruckt. Er war Prediger. Wir hatten viele stundenlange Diskussionen bei ihm zuhause. Und schließlich bin ich zum Glauben gekommen. Mein Leben hat sich drastisch und schnell verändert, alle meine Freunde dachten, ich sei verrückt geworden, weil ich mich um 180 Grad verändert hatte. Ich sehe immer noch eine Verbindung zwischen Religion und Politik. Ich liebe mein Volk. Aber ich musste mein Verständnis von Gerechtigkeit ändern. Ich arbeite immer noch für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.“ Durch seine Beziehung mit dem Prediger erfuhr Jack vom Bethlehem Bible College, wo er bald angenommen wurde. Einer seiner ersten Lehrer war Salim Munayer, der ihn zu einem der ersten Musalaha Wüstentrips einlud. Aber Jack zögerte. Er hatte eine tiefe Wut und Ablehnung gegen das jüdische Volk in sich. „Ich glaube, ich habe sie wirklich gehasst“, sagt er, „aber das ist mir später eingepflanzt worden. Ich bin nicht damit aufgewachsen. Meine Familie hat keinen Hass gehegt. Mein Vater war Elektriker, er hat für eine israelische Firma gearbeitet. Er hatte alle möglichen jüdischen Freunde, und vor der Intifada haben wir uns gegenseitig zu Hause besucht und zusammen gegessen. Das Gefängnis und die Intifada haben mich verändert.“ „Und die Verhöre,“ fügt er leise hinzu. „Ich habe immer noch Narben aus dieser Zeit. Wie sollst du mit fünfzehn, sechzehn damit umgehen? Ich habe das alles gespeichert, auch meine Wut. Ich bin raus gegangen, habe protestiert, habe mich nicht darum geschert, ob da Kugeln flogen. Darüber hätte ich nachdenken können, wenn ich tot wäre. Doch mit Leuten von der anderen Seite zusammenzutreffen, die sich Gedanken machen – das hat mich verändert. Um die Wahrheit zu sagen, ich hatte keine genaue Vorstellung, wer auf diesem Musalaha-Trip dabei sein würde. Ich dachte, es wären nur Leute vom Bible College. Ich hatte keine Ahnung, dass es Juden gibt, die an Jesus glauben. Die meiste Zeit habe ich mich mit Evan Thomas unterhalten, einem messianischen Pastor aus Netanja. Das hat bei mir die Veränderung ausgelöst. Evan war so freundlich. In der Wüste waren wir erst unsicher und hatten Angst. Den anderen ging es genauso, und wir haben geredet, um die Furcht zu überwinden. Ich war immer noch an so vieles gekettet, ich musste frei werden. Das Wichtigste war das Pflegen von Beziehungen. Das ist mehr als einfach nur mit Evan im Kontakt zu bleiben. Ich habe in seiner Gemeinde gepredigt, und wir haben ihn und andere messianische Pastoren hier auf der Kanzel gehabt.“ Die Jerusalem Alliance Church ist sechzig Jahre alt. Angeregt durch den Prediger aus seiner Straße begann Jack dort hinzugehen, und bald spielte er im Gottesdienst Keyboard. Mittlerweile kommen viele Menschen zum Gottesdienst, die nicht in der Altstadt wohnen, und etliche Gemeindemitglieder sind auf Musalaha-Trips dabei gewesen. „Ich glaube, Musalaha macht das mit Nacharbeit wirklich gut“, sagt Jack. „Dass die Beziehungen bestehen blieben, war sicher das, was mir bei der Veränderung geholfen hat. Es gibt eine tiefe Spaltung zwischen unseren Völkern, aber ich muss die Veränderung wollen. Hier verändert sich alles. Wenn du nur einmal zu Besuch kommst, entgeht dir das. Aber wenn du öfter kommst, kannst du sehen, dass sich im Land viel verändert hat – oft zum Schlechten. Vielleicht könnten wir auch was zum Guten verändern.“ Jack Sara ist Mitglied des Musalaha-Komitees.
Musalaha über die Schulter geschaut Frauenarbeit, Louise Thomsen Im Konflikt hat die Stimme der Frauen Einfluss und Kraft, aber in unserer männlich dominierten Gesellschaft wird ihre Stimme oft ignoriert oder an den Rand gedrängt. Frauen sind im Konflikt nicht nur Opfer, sondern auch die, die Veränderungen anstoßen, die mit ihrem Mut, ihrer Hingabe und Entschlossenheit, mit Toleranz, Mitleid, Vergebung und praktischen Lösungen handeln. Musalaha bietet israelischen und palästinensischen Frauen ein Forum, sich zu treffen und miteinander zu versöhnen, und versetzt sie durch Training in die Lage, eine führende Rolle bei der Versöhnung in ihren Gemeinschaften zu übernehmen. Hunderte palästinensischer und israelischer Frauen treffen sich in kleinen organisierten Gruppen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene.
Nationale Gruppen Gruppen von je zehn israelischen und palästinensischen Frauen treffen sich, um schwierige Fragen anzugehen und als Leiterinnen ausgebildet zu werden. Die Gruppen treffen sich viermal im Jahr. Zurzeit hat Musalaha sechs nationale Gruppen und jedes Jahr kommt eine Gruppe dazu.
Regionale und lokale Gruppen In Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten treffen sich jeden Monat Gruppen von 50 Frauen, um sich in Versöhnung schulen zu lassen und Probleme ihrer Region zu besprechen. Die Frauen sollen eine aktive Rolle in sozialen Fragen übernehmen können, indem sie Veranstaltungen wie Sommercamps, Tage für Behinderte und Aktionen für Bedürftige organisieren lernen. Im Moment gibt es bei Musalaha drei regionale und fünf lokale Gruppen.
Die „dritte Seite“ Dies sind die Frauen, die weder Jüdinnen noch Palästinenserinnen sind, aber dauerhaft im Land leben, weil sie hier verheiratet sind, oder aus beruflichen Gründen. Sie sind vom Konflikt mitbetroffen und haben einzigartige Möglichkeiten, zwischen den beiden Seiten eine Brü-ckenfunktion zu übernehmen. Diese Frauen kommen dreimal pro Jahr zusammen und treffen sich zweimal im Jahr mit nationalen Gruppen.
Muslimisch-christliches Komitee 2009 haben wir unsere Frauenarbeit ausgeweitet, um den Dialog mit Frauen anderen Glaubens zu ermöglichen und ein größeres Verständnis und Brückenbau zwischen den Gemeinschaften zu fördern. Dieses Projekt hat zum Ziel, Frauen dazu zu befähigen, in ihrem Umfeld den Brückenbau zur anderen Seite anzustoßen. Eine Gruppe aus je sieben Muslimas und Christinnen aus Bethlehem trifft sich monatlich, um miteinander zu reden und zum Wohl ihrer Gemeinschaften zusammenzuarbeiten. 2011 möchten wir jüdische Frauen in diesen Dialog mit einbeziehen.
Entwicklungsprojekt Die Frauenarbeit startet ein neues Projekt in Bethlehem, das benachteiligten Frauen aller Glaubensrichtungen zugute kommen soll durch Zugang zu Bildung, einen Workshop über Frauenrechte und soziale Fürsorge.
Junge Erwachsene, Nussi Khalil Junge Erwachsene stehen an einem Scheideweg in ihrem Leben, sie fällen Entscheidungen, festigen ihre Wertvorstellungen und lernen, für das einzustehen, woran sie glauben. Das Programm für junge Erwachsene bildet eine Plattform für Beziehungen, Austausch, Trauer und Vergebung.
Brückenbauer Im vergangenen Sommer traf sich eine Gruppe junger Erwachsener aus Norwegen, Palästina und Israel in Norwegen; dieses Jahr werden sie ihren Versöhnungsweg mit einem gemeinsamen Wüstentrip fortsetzen. Über das Passahfest werden die jungen Leute den israelisch-palästinensischen Konflikt näher angehen.
Nacharbeit Viele der jungen Erwachsenen, die schon seit Jahren mit dem Thema Versöhnung unterwegs sind, haben sich in die Geschichtsdarstellungen und die Frage nach der Identität vertieft. Sie werden im Mai nach Zypern fliegen, um diese Themen weiter zu vertiefen.
Sound and Sand Israelische, palästinensische und amerikanische junge Erwachsene werden zusammen das Trennende überbrücken: Sie werden 2010 gemeinsam campen, wandern, lernen und in Gemeinden im Bundesstaat Washington sprechen. Im Sommer 2011 planen sie zwei Wochen Wandern im Sand des Wadi Rum in Jordanien: unter den Sternen schlafen, lernen, über kulturelle Grenzen hinweg zu kommunizieren, Versöhnung, Angst, Vergebung.
Öffentlichkeitsarbeit, Joshua Korn Bei den Veröffentlichungen haben wir einige spannende Projekte vor uns. Salim Munayer schreibt zusammen mit Akiva Cohen ein Buch über die Theologie der Versöhnung. Außerdem arbeit er mit Lisa Loden an der zweiten Auflage des Buchs The Bible and the Land. Dieses Buch wird hoffentlich noch dieses Jahr erscheinen. Es wird eine Reihe unterschiedlicher Artikel von israelischen messianischen Juden, von palästinensischen Christen und Christen aus dem Westen enthalten. Wir arbeiten auch an einem Buchprojekt, mit dem Jonathan McRay schon länger beschäftigt ist. Er hat in den letzten fünf Monaten viele Israelis und Palästinenser interviewt, die mit Musalaha unterwegs waren, und hat so eine Reihe von Erzählungen zusammengetragen. Und schließlich hat das Musalaha-Team in den letzten Monaten an einer Art Curriculum für Versöhnung gearbeitet. Wir sind ungefähr in der Mitte dieses Projekts. Es ist ein sehr umfangreiches und ehrgeiziges Vorhaben, das viel Forschen und Schreiben erfordert. Es soll als Trainingshandbuch für die Leiterinnenausbildung der Frauen dienen, aber auch für andere Arbeitsbereiche und andere Organisationen, die unsere Vision teilen, einsetzbar sein.
Jugendtraining Galiläa, Shadia Qubti Unsere Arbeit breitet sich über das ganze Land aus. Der Herr hat uns die Türen geöffnet, palästinensisch-israelische Jugendleiter auszubilden. Wir möchten diese Jugendlichen dazu ausbilden, in Galiläa Veränderungen anzustoßen. Als ein Teil ihrer Ausbildung müssen sie eine Studienfahrt für Jugendliche organisieren, bei der die historischen und religiösen Verbindungen zum Land Thema sind, sodass die Jugendlichen lernen, sich an ihrer eigenen Gesellschaft zu beteiligen. Auch an einem Medienprojekt sollen sie teilnehmen, das das Leben Jugendlicher dokumentiert und die Herausforderungen und Vorteile eines Lebens als palästinensisch-christliche Minderheit in Israel zeigt. Die Jugendlichen stehen unter dem Einfluss der palästinensischen, arabischen, israelischen und islamischen Kultur, neben der weltweiten Jugendkultur. Als Folge davon ist ihr Leben geprägt von Drogen, Alkohol, Nikotin, Gewalt und Risikobereitschaft; sie sind voll von Ärger, Frustration, Bitterkeit und Ablehnung. Sie stehen einem moralischen und ethischen Dilemma gegenüber: Sie streben nach Individualität, während ihre Gesellschaft und Tradition Gemeinschaft verlangen. Als Palästinensern fehlt ihnen die nötige Infrastruktur, um diesen Konflikt anzugehen und zu bearbeiten. Da die israelischen Palästinenser die natürliche Brücke zwischen der israelischen und der palästinensischen Gesellschaft sind, ist es wichtig, dass sie lernen, zu Botschaftern der Veränderung in ihren örtlichen Gemeinschaften und dann auch der weiteren Gesellschaft zu werden.
Jugendarbeit, Tamara Kuttab Die Jugendlichen von heute sind die Leiter von morgen. Sie bestimmen unsere Zukunft. Darum ist so wichtig, dass wir sie ausbilden, dass sie „die anderen“ treffen und Beziehungen entwickeln zu denen, die ihre Gesellschaft als Feinde bezeichnet. Die Jugendlichen machen einen großen Teil der israelischen und palästinensischen Gesellschaft aus. Durch die Gemeinschaft bei Musalaha sollen sie lernen, wie wichtig moralisches und ethisches Handeln ist.
Wüstentrip Dieses Jahr im Frühling fahren wir mit einer neuen Gruppe von 13-15-Jährigen in die Wüste: Beziehungen bauen, Kamel reiten und wandern auf den Höhen des Negev. Sie werden sich mit dem Leben Josephs befassen und miteinander diskutieren.
Training in der Westbank Als wir vor zwei Jahren das Training für die Jugendleiter vorbereiteten, haben wir festgestellt, dass es in der Westbank zwar Jugendgruppen gibt, es ihnen aber an Leitern fehlt. Um diesen Jugendlichen besser dienen zu können, halten wir es für notwendig, Jugendleiter in den Themen Versöhnung, Gewaltlosigkeit und Toleranz auszubilden, damit sie wirkungsvolle Jugendleiter und Botschafter der Veränderung sein können. 2008 und 2009 hatten wir fast 60 Jugendleiter in unseren Anfängerkursen. Diese 60 nehmen nun am Fortsetzungskurs teil.
Jugendarbeit in der Westbank Die Jugendleiter, die wir in den vergangenen Jahren ausgebildet haben, leiten jetzt ein Programm, das die Jugendlichen mit Bildung, Kultur, Demokratie und sozialen Fragen vertraut machen und sie in die Lage versetzen soll, ihr Wissen in ihre Gemeinschaften hineinzutragen. In der palästinensischen Gesellschaft werden die genannten Themen auf offizieller Ebene nicht ausreichend behandelt, aber sie sind grundlegend für die Bildung und Entwicklung der palästinensischen Gesellschaft.
Sommercamp Kinder sind die Versöhner der nächsten Generation, die lernen können, was es heißt, in einer Gesellschaft ohne den Hass und die Feindschaft aufzuwachsen, die in ihren Gemeinschaften allgegenwärtig sind. Das Sommercamp ermöglicht es palästinensischen und israelischen Kindern, schon in jungen Jahren zu Friedensstiftern zu werden. Sie haben diese Möglichkeit in einem neutralen, freundlichen und fröhlichen Camp, wo sie anhand der Bibel lernen, Toleranz, Versöhnung und Liebe zu leben.
Studienreisen Berichte von Teilnehmern an Musalaha-Studienreisen Steve Openshaw, Bolton/England, St. Peter’s Kirche Den Teilnehmern wurden die Augen geöffnet für einige wunderbare Dinge, die der Herr in Israel und den palästinensischen Gebieten durch Menschen und Organisationen tut. Für einige war dies auch eine spirituelle Reise. Ich bin sicher, dass diese Reise einen bleibenden Eindruck hinterlassen wird.
Mary Pandiani, Chapel Hill Presbyterian, Washington, USA Vom Gehen in den Straßen Bethlehems bis zu den messianischen Gottesdiensten bekamen wir einen Eindruck von zwei Welten. Durch Musalaha erkannten wir die Notwendigkeit, diese beiden Welten miteinander zu verbinden. Flüchtlingslager und Siedlungen, Wachen und Polizei, Holocaust und Nakba – der Konflikt erscheint überwältigend. Eine simple Antwort banalisiert die bestehende Not. Dennoch bringt mitten in allem die Versöhnungsbotschaft Christi Hoffnung. Es ist tatsächlich die einzige Antwort. Musalaha bietet die Möglichkeit, dem Schmerz und dem Leid aller Betroffenen zu begegnen: Juden, Christen, Muslime, Palästinenser, Israelis. Gleichzeitig hält Musalaha Jesu Gebot hoch: Wir sollen uns miteinander versöhnen, wie Christus uns mit sich versöhnt hat.
Sheri Blackmon, Oak Park, Kalifornien, USA Die meisten Amerikaner, die das Heilige Land besuchen, treffen nie einen palästinensischen Christen und verpassen so einen wichtigen Teil dessen, was Israel seinen Besuchern zu bieten hat. Wir haben eine Woche damit verbracht, jüdische und palästinensische Gläubige in einem Kindercamp kennen zu lernen. Danach sind wir für eine Woche im Land herumgereist. Zum Teil war es eine Tour zu den biblischen Stätten, aber die letzten Tage waren ungewöhnlich: Wir blieben in Bethlehem und durften die wunderbare Gastfreundschaft des Bethlehem Bible College genießen. Manches Mal gingen uns bei den Vorträgen und Rundgängen die Augen auf. Mir hat sich vor allem der Weg durch die langen Korridore der Grenzanlagen tief eingeprägt. Wir waren auf dem Weg zu unserem Bus in Richtung Jerusalem, gleichzeitig kamen die palästinensischen Arbeitnehmer von ihrer Arbeit in Jerusalem zurück. Ich spürte etwas von ihrer dauernden Trennung von ihren jüdischen Nachbarn, den Sicherheitskontrollen und der ungleichen Behandlung, was ihre Rechte und den Zugang zu Ressourcen wie v. a. Wasser angeht. Wie das Land zerstückelt wird, um mehr Raum für jüdische Siedler zu haben und die verfeindeten Seiten auseinander zu halten, kann man nur erfassen, wenn man es gesehen hat. Von den Schwierigkeiten zu hören, denen die Christen auf beiden Seiten jeden Tag begegnen, und ihren Mut und ihre Überzeugung mitzuerleben, hat mich inspiriert. Besonders aufgefallen ist mir, dass die Christen in Palästina für die amerikanischen Christen oft unsichtbar bleiben, und ich will tun, was ich kann, um das zu ändern.
Chuck Orrestad, CISF Gruppe Diese Reise war erhellend, sie hat uns die Augen geöffnet und uns Informationen vermittelt. Der „schwerere“ Teil unseres Programms, der intellektuelle, theologische (betr. Land) und emotionale, war kraftvoll. Am Ende nach Galiläa zu fahren, war genau richtig. Die ruhige Fahrt in den Norden gab uns allen die Möglichkeit, auszuruhen und einen Teil dessen, was wir gehört hatten, zu verdauen. Galiläa hat einen Frieden und eine Ruhe an sich, die im Kontrast zu unseren Tagen in der Stadt mit einem halsbrecherischen Studienprogramm so richtig zur Geltung kam.
John Nitta, Ev. Free Fullerton, Kalifornien, USA Das Training bei Musalaha war großartig und gut durchdacht. Die Studenten genossen ihre Zeit mit Salim und waren ermutigt, zu hören, was ihm auf dem Herzen liegt. Es war breiter Konsens, dass seine Vorträge die Zuhörer gut darauf vorbereitet haben, den Konflikt zu verstehen.
Lance Brown, Chapel Hill Presbyterian, Washington, USA Ich bin so dankbar für alles, was Musalaha getan hat, um dies zu einer prägenden Erfahrung werden zu lassen – und für das persönliche Engagement, das ihr gebracht habt, um das verfilzte Knäuel in meinem Kopf und meinem Herzen aufzulösen. Ich wünsche mir sehr, dass dies mehr ist, als einfach eine beeindruckende Erfahrung, die mich die Zeitung anders lesen lässt.
Brigitte, Philippus-Dienst, Deutschland Tief berührt hat uns das Leben eines jungen Mannes, der durch einen Musalaha-Wüs-tentrip verwandelt wurde: von einem, der Steine wirft, hin zu einem, der erkennt, dass eine friedvolle Antwort viel notwendiger ist als Gewalt. Wir haben gesehen, dass eine solche Wandlung nur durch die Gnade Christi geschehen kann.
Neues von Munayers Hallo zusammen! Jack (20) studiert bis Ende Juni Arabisch in Amman. In den sieben Monate zwischen seiner Zeit bei JMEM und dem Studium übernahm er verschiedene Kinderbetreuungsjobs, bewarb sich an vier Universitäten in England und wurde angenommen. Er machte den TOEFL-Test in Englisch und das SAT-Examen (beides Englischprüfungen, um im englischsprachigen Ausland studieren zu können). Seine langfristige Perspektive ist ein Psychologie- und Soziologiestudium in England ab Oktober.
Daniel (18) ist volljährig und fährt Auto, ohne dass sein Vater oder ich nervös daneben sitzen. Er hat in seiner Altersklasse die Goldmedaille im Jerusalemer 5000 m-Lauf gewonnen und sich so für die Landesmeisterschaften qualifiziert. Ebenso sein Bruder John, der ebenfalls in seiner Altersklasse Gold gewonnen hat. Bei den Landesmeisterschaften ist Daniel als 13. ins Ziel gekommen – ein fantastisches Ergebnis für ihn als nicht trainierten Läufer. Bis Juni hat er nun etliche Prüfungen vor sich. Er überlegt, ebenfalls zu JMEM zu gehen. Er ist sehr mit der Gemeinde verbunden und hängt an seiner Jugendgruppe (Neria). Er entwickelt sich zu einem außergewöhnlichen jungen Mann und einem großen Zeugen für seinen Glauben.
John (16) steht vor den Prüfungen der 10. Klasse zum Schulabschluss. Er paukt (gezwungenermaßen) Übersichten für Geschichte. Den Tag zusammen mit Daniel an den Landesmeisterschaften genoss er sehr. John kam als 15. ins Ziel – ein großartiges Ergebnis. Außerdem schwimmt er bei den nationalen Meisterschaften mit. John hat viele, viele gläubige Freunde, von denen viele weit entfernt wohnen, und das hält ihn mit Facebook und endlosen Telefongesprächen beschäftigt.
Sam (12) darf endlich im Auto vorne sitzen! Er hat sehnlichst darauf gewartet, es hier seinen Brüdern gleichtun zu können. Dieses ist das letzte Jahr der Elementary School, ab Herbst wird er zur High School gehen (er kann es kaum abwarten). John wird da sein, um ihn im Auge zu behalten. Er hat sich für vier Läufe der nationalen Schwimmmeisterschaften qualifiziert. Schwimmen hat einen wichtigen Platz in seinem Leben, und er wünscht sich sehr zu wachsen, damit er stärker wird.
Salim: Reisen in die USA und nach Kanada, Jetlag und wieder Jetlag. Er addiert Zahlenreihen, rechnet und wiegt den Kopf hin und her: Vorbereitungen für Jacks Studium und Daniels Auslandsjahr. Ein bisschen älter, ein bisschen kahler, ein bisschen müder, aber ein bisschen schlanker!
Und dann bin da noch ich, Kay: gut beschäftigt mit den Frauen der „Dritten Seite“, Alpha 2, meinem Wohltätigkeitsengagement, dem Taxidienst für die Kinder, dem Schreiben an Jack, dem allgemeinen Dienst eines Haussklaven und einem Wellness-Kurs.
Vielen Dank fürs Lesen! Kay Munayer
Musalaha-Rundbrief Winter 2009
Musalaha feiert 20 Jahre fruchtbaren Dienst Gegen Ende des Jahres 1988, während wir beide an einem Studienprogramm zur Ausbildung einheimischer Leiter teilnahmen, kam Salim Munayer mit einer Vision auf mich zu, die seinem Empfinden nach Gott ihm gegeben hatte. Während er mir in groben Zügen den biblischen Ruf zur Versöhnung für unsere beiden zerstrittenen Völker darlegte, begann tief in mir etwas zu schwingen. Und als er mich bat, mit ihm zusammen aus diesen Ideen praktische Initiativen in unseren jeweiligen Glaubensgemeinschaften zu entwickeln, war meine Antwort ein unmittelbares – Ja! Kurz danach wurde Musalaha mit einfachen Strukturen ins Leben gerufen, mit Salim als Direktor und einem Komitee aus palästinensisch-christlichen und jüdisch-messianischen Leitern in gleicher Zahl. Dieses Prinzip der ausgewogenen Leitung wurde schnell zum Kennzeichen für alle Musalaha-Initiativen und ist es bis heute.
Vor 25 Jahren war Versöhnung kein zentrales Thema für die Christen hier im Land. Die arabisch- und hebräischsprachigen Gemeinden hatten sporadisch Gemeinschaft. Aber dann änderte sich mit dem Beginn der ersten Intifada (Aufstand der Palästinenser) alles: Junge messianische Militärdienstleistende wurden in die Unruhen verwickelt und junge palästinensische Christen, die unter der Frustration, der Entwürdigung an den Checkpoints und der militärischen Besetzung litten, schlossen sich dem Widerstand an. Die Spaltung zwischen beiden Gruppen wurde tiefer, und der Ruf Jesu zur Einheit seines Leibes immer dringlicher.
Musalaha reagierte mit dem ersten Wüstentrip – junge Erwachsene von beiden Seiten, danach ältere, erfahrene christliche Leiter, Männer und Frauen gemeinsam. Wir verließen die Sicherheit und Bequemlichkeit des eigenen Zuhauses. Jetzt wurde die schroffe Umgebung der Wüste unser „Klassenzimmer“, wo wir einander – oft zum ersten Mal – auf Augenhöhe begegneten. Diese ersten Tage waren für uns alle herausfordernd: Wir lernten, zusammen zu beten, Bibel zu lesen, anzubeten und Beziehungen aufzubauen, die die feste Grundlage werden sollten für den vielfältigen Dienst von Musalaha heute.
Die drei- und fünftägigen Wüstentrips und unterschiedlichen Seminare in den ersten Jahren haben bei uns die Fähigkeit wachsen lassen, einen Schutzraum für diese neuen Beziehungen zu bauen, damit sie den Herausforderungen standhalten können, die unausweichlich damit verbunden sind, wenn wir mit den schwierigen Themen Land, Konflikt, Friedenshindernisse umgehen. Die, die entschlossen waren, dabei zu bleiben, bildeten mit der Zeit einen wachsenden Kreis von Leitern, die sich dieser Vision verschrieben und willens waren, auch gegen den Widerstand aus den Gemeinschaften für Einheit und Frieden einzutreten. Auf beiden Seiten waren nun Menschen, die den Schritt wagen wollten, sich für Versöhnung und Frieden einzusetzen, statt am Konflikt teilzunehmen. Diese neue Dynamik gab Musalaha den Antrieb, Literatur zu produzieren und Leiterschulungen zu konzipieren, die genau auf unser Konfliktgebiet zugeschnitten sind. Und dies wiederum bringt direkt Frucht in anderen Bereichen unseres Dienstes.
Die Jugendleiter aus beiden Volksgemeinschaften erhalten miteinander eine professionelle Ausbildung mit hoher Qualität. Die Musalaha-Sommercamps und die Jugendinitiativen (einschließlich der Einsätze im Ausland) gehören zum Besten, das hier im Land zu finden ist. Kinder, die am Camp teilgenommen haben, kommen oft als Mitarbeiter wieder und bilden so eine gesunde Kontinuität. Die Frauenarbeit ist schnell gewachsen und ist inzwischen der größte und aktivste Teil von Musalaha. Viele Frauen wirken hinein in ihre Volksgruppe, organisieren verschiedene Aktivitäten und haben Einfluss auf Kinder und Jugendliche. Es gibt ein erfolgreiches Programm von muslimischen und christlichen Frauen, in das hoffentlich bis 2010 auch jüdische Frauen integriert werden können. Alle Initiativen wachsen und haben einen spürbaren Einfluss auf ihre Volksgemeinschaften: Sie bieten Beziehung, Gemeinschaft und den Brückenschlag zwischen den Gemeinschaften.
Es war ein großes Vorrecht zuzusehen, wie die Glaubwürdigkeit von Musalaha in den Augen von Christen anderer Länder stetig gewachsen ist. Das Zeugnis von unseren Erfolgen (und schmerzlichen Niederlagen) und unsere Methoden, die mitten in einem der konfliktreichsten Gebiete der Welt erprobt wurden, sind nun Vorbild für andere. Darum können wir von Zeit zu Zeit Gruppen aus anderen Ländern einladen, von uns zu lernen. Bei denen, die wir motivieren können, mit uns für Versöhnung zu arbeiten, steigt das Bewusstsein für unseren Konflikt.
Für all dies gebührt nur Gott die Ehre: Er erweist uns die Kraft seiner Gnade und die Wahrheit seines Wortes, durch die unser Leben und das Leben unserer Volksgemeinschaften verändert wird. Der Nahe Osten ist instabil und die Gemeinden des Neuen Bundes hier in Israel/Palästina sind von diesen schmerzhaften Auseinandersetzungen mit betroffen. Hat Musalaha der Herausforderung genügt, andere Maßstäbe anzubieten? Ich bin davon fest überzeugt, und die Frucht dieser Bemühungen wird eine solide Grundlage für die kommenden Generationen sein. Evan Thomas Vorsitzender des Musalaha-Komitees
Geschichtsdarstellung der Israelis und der Palästinenser Von Jonathan McRay An jedem Passah-Fest erinnern sich die Juden an die Befreiung aus der Unterdrückung, die sie in Ägypten erlitten haben. Sie erzählen, dass es in jeder Generation jemanden gegeben hat, der das Volk vernichten wollte, aber Gott befreite sie, führte sie nach 2000 Jahren zurück in das verheißene Land, wie er es auch in der Vergangenheit getan hatte. Jedes Jahr im Mai gedenken die Palästinenser eines anderen Exodus – nicht einer Befreiung, sondern einer Vertreibung, bei der sie ihre Heimat in einem Land, zu dem sie reiche geschichtliche und religiöse Verbindungen haben, verlassen mussten. Immer wieder betonen sie ihre lange Präsenz hier trotz Besatzung durch Kreuzfahrer, Ottomanen und bis hin zu den Israelis: „Wir werden unterdrückt und tragen keine Verantwortung für unsere Situation.“
Israelis und Palästinenser haben ihr je eigenes Verständnis von Unterdrückung, entsprechend ihren Erfahrungen in der Geschichte. Am 4./5. Oktober 2009 haben sich im Rahmen der Nacharbeit zur Konferenz für junge Erwachsene 28 junge Israelis und Palästinenser zusammengesetzt und ihre je eigene Geschichtsdarstellung analysiert und hinterfragt. Es war ein Experiment, aber ein wichtiges, und diese Konferenz entpuppte sich als die tiefste und intensivste von allen. Um den Diskussionen an diesen beiden Tagen einen Rahmen zu geben, stellte Salim Munayer das Konzept von Geschichtsdarstellung vor. Geschichtsdarstellung (engl. narrative) bedeutet sowohl Geschichte als auch Propaganda. In dieser Geschichtsdarstellung kommt die Vergangenheit eines Volkes zur Sprache, aber sie enthält auch eine Vision der Zukunft und stellt durch die gemeinsame Erzählung Identität her. Geschichte und Geschichten vermitteln Sinn und Heilung, wenn sie für Veränderung und neue Perspektiven offen bleiben. Aber die Geschichtsdarstellung kann verzerrt sein – und ist es oft –, um einen Konflikt zu rechtfertigen und Exklusivität zu erzeugen. Denn Geschichte ist nicht eine feste Größe mit nur einer unbestreitbaren Version; sie ist vielmehr ein Muster von ineinander verschlungenen und oftmals widersprüchlichen Geschichten. Jede Geschichte hat mindestens zwei Seiten, das ist bei der Geschichtsdarstellung nicht anders. Eine Geschichte wird immer von einer bestimmten Person mit einer bestimmten Weltsicht erzählt. Eine Balance kann hergestellt werden, wenn eine zweite Person dieselbe Geschichte erzählt, wobei die beiden Geschichten sich gegenseitig ergänzen.
Die Einheiten zur israelischen und palästinensischen Geschichtsdarstellung waren eine große Herausforderung. Beabsichtigt war, jeweils eine kollektive Geschichtsdarstellung zu präsentieren und dann Raum zu geben zur Analyse durch Kritik an bestimmten Aspekten. Zwei Israelis präsentierten gekonnt die israelische Darstellung und boten damit die allgemeine Sicht der Geschichte in der israelischen Gesellschaft. Sie begannen mit der biblischen Geschichte des jüdischen Volkes, dem Exil und Leben in der Diaspora in anderen Ländern und schilderten ihre Sehnsucht nach einem jüdischen Heimatland und die Schrecken des Holocaust, die zur Errichtung des Staates Israel führten. Am Ende ihres Vortrags stellten sie offen und ehrlich einige grundlegende Annahmen in Frage, wie zum Beispiel, dass das Land kaum bewohnt und eine leblose Wüste gewesen sei, dass die Israelis die Einzigen seien, die Frieden wollen, und dass es ein palästinensisches Volk nicht gibt und niemals gab.
Salim trug leidenschaftlich die palästinensische Darstellung vor, erklärte die tiefe und alte Bindung an das Land, den Schmerz der gewaltsamen Vertreibung durch die Nakba (arabisch für Katastrophe, bezeichnet die Vertreibung der Palästinenser im Krieg 1948), das Verlangen nach einem palästinensischen Heimatland und das Leiden unter der israelischen Besatzung. Er erzählte, wie sein Vater die Leichen derer begrub, die während der Nakba von jüdischen Extremisten ermordet worden waren. Er stellte den in der palästinensischen Gesellschaft vorherrschenden Glauben in Frage, dass die Juden keine religiöse oder historische Bindung an das Land haben und prangerte den Mangel an Verständnis für das Leiden der Juden, besonders im Holocaust, an. Viele haben, was den Konflikt angeht, ein Entweder-Oder-Denken: Sie glauben, dass ihr persönlicher Schmerz illegitim wird, wenn sie das Leiden der anderen anerkennen. Die Vorträge und ihre Kritik führten zu lebhaften Diskussionen über die problematischen Themen und offenbarten das Bedürfnis, diese Geschichtsdarstellungen weiter zu analysieren.
Die letzte Einheit war ganz der Reflexion und dem offenen Dialog gewidmet und wurde durch Evan Thomas moderiert. Für viele Betroffene waren die Vorträge sehr schwierig gewesen, und die verletzten Gefühle und die Frustration wurden jetzt ehrlich mitgeteilt. Diese Konferenz hat deutlich gemacht, wie wichtig es ist, den Unterschied zwischen der Versöhnung von Menschen und der Versöhnung von Gruppen wahrzunehmen: Wir sind hier vielleicht zusammengekommen, aber danach gehen wir zurück in unser eigenes Lager und in das unausgewogene Machtverhältnis zwischen unseren beiden Gruppen. Nur wenn unsere Geschichtsdarstellung im Licht der Erfahrungen der anderen verändert wurde, kann wirkliche Versöhnung und damit Veränderung stattfinden, sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene.
Ein palästinensischer Teilnehmer war besonders betroffen bei der direkten Gegenüberstellung der beiden entgegengesetzten Sichtweisen: „Manchmal, wenn über die israelische Geschichtsdarstellung gesprochen wurde, habe ich dagesessen mit zusammengebissenen Zähnen und habe gedacht: ‚Das stimmt nicht!’ Und als die palästinensische Darstellung dran war, sah ich einige der Israelis dasselbe tun. Ich glaube, wenn man Palästinenser und Israelis einfach von der Straße zu so etwas zusammenbringt, fliegen die Fetzen.“ ‚Talitha Kumi’ ist aramäisch und bedeutet: ‚Mädchen, steh auf!’ Dies steht im Markusevangelium in der Geschichte, in der Jesus die Tochter des Jairus auferweckt. Die Kinder Gottes, die ihre Feinde lieben, sollen den geflüsterten Ruf von Gerechtigkeit und Frieden, der Leben atmet, hören und auferweckt werden. Gerade in der hitzigen Debatte über Identität müssen wir uns daran erinnern, dass wir unsere Identität erst verlieren müssen, um sie dann neu zu finden. Wir sind alle zu dieser Konferenz gekommen, weil wir uns einer versöhnlichen Geschichtsdarstellung verpflichtet wissen, in der es um ein Königreich, einen Weg und ein Festmahl geht, wo es weder arm noch reich, weder Palästinenser noch Israeli geben wird.
Versöhnung für Leiter Von Jonathan McRay Mehr als zwanzig Leiter von israelischen und palästinensischen Gemeinden verbrachten zusammen mit ihren Familien eine Woche in Deutschland auf der Musalaha-Konferenz für Leiter und ihre Familien. Es ist eine Vision von Musalaha, Leiter aus israelischen und palästinensischen Gemeinden auszubilden, sodass sie in ihren Gemeinden zu Versöhnern werden. Dabei hat Musalaha die ganze Familie im Blick, denn sowohl die israelische als auch die palästinensische Gesellschaft ist um die Familie als Kern herum strukturiert. Wenn die Familie zu einer versöhnten Versöhnerin zusammenwächst, kann sie als ganze Veränderung in ihrer Gesellschaft bewirken. Die Leiterkonferenz ist der Ausgangspunkt für die Ausbildung von Beziehungsnetzwerken. Die Rede von „denen“ und „uns“ wird abgebaut und macht Platz für eine neue Art von „wir“. Die Konferenz fand vom 14. bis zum 21. August auf der Langensteinbacher Höhe statt. Diese ruhig gelegene Bibel-Konferenzstätte war ein idealer Tagungsort und bot viele Möglichkeiten für Outdoor-Aktivitäten, die den Teilnehmern Zeit und Gelegenheit boten, Gedanken und Gefühle wachsen zu lassen. Unter der umsichtigen Leitung von Eckhard Maier bildeten die Familien feste Beziehungen und lernten an seinem demütigen Beispiel gegenseitiges Dienen.
An jedem zweiten Tag wurden die Theorie und die Praxis von Musalaha durch Lehreinheiten, Workshops und Aktivitäten für die ganze Familie vermittelt. Salim Munayer und der israelische Pastor Oded Shoshani kümmerten sich um Lehre und Leitung der Konferenz. Die Einheiten der Woche gliederten sich in verschiedene Segmente aus Theorie und Praxis. In einer Einheit ging es anhand von Epheser 2 – Niederreißen der trennenden Mauern und Schaffen einer neuen Identität – um die Beziehungen zwischen Familien aus unterschiedlichem Hintergrund. Eine andere Einheit zeigte die Theologie der Versöhnung, die ihre Wurzeln im Wesen Gottes hat, wie es uns in 1. Johannes 4 vor Augen gestellt wird: in der Liebe. Die Teilnehmer diskutierten auch die sozioökonomischen und politischen Fragen, die den Versöhnungsprozess beeinflussen.
Im Zusammenhang mit dieser Einheit gab es auch eine Zeit zum Austausch über die Hindernisse der Versöhnung und Wege der Vergebung. In kleinen Gruppen studierten die Teilnehmer, was bei Matthäus über Vergebung steht. Das ist gar nicht so einfach, denn die meisten von uns sind daran gewöhnt, dass für die Vergebung eine bestimmte Art von Reue gegeben sein muss. Aber die Worte Jesu handeln von einer unmöglichen Vergebung, einer Vergebung, die nicht Reue voraussetzt, sondern sie erst möglich macht. Viele hatten versucht, ihren Schmerz zu vergraben und hatten nun Mühe damit, die bitteren Gefühle wieder hochkommen zu lassen. Manche waren überrascht, dass ihr Ärger wie ein Eisberg unter der Oberfläche viel größer war. So auch bei einem palästinensischen Leiter, dessen tief verwurzelter Schmerz seine Ursache hatte in der Zerstörung, die seinem Dorf und seinem Volk widerfahren war. Israelis und Palästinenser erlebten eine verändernde Reinigung, als sie gezwungen waren, einander gegenüber zu sitzen und die Entmenschlichung, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Schikanen anzusehen und zu überwinden.
„Es war gut, meinen Brüdern von der anderen Seite zuzuhören“, sagte Rafi Shimon aus Rehovot. „Persönlich hatten wir vielleicht nicht viel zu vergeben, denn wir kannten uns vorher ja nicht. Aber wir haben gemeinsam im Austausch Vergebung praktiziert.“ Er empfand diese herausfordernde Erfahrung als einen Ruf, tiefer zu gehen. „Wir müssen das konkret werden lassen, wir müssen Beziehungen aufbauen, denn wir dürfen nicht einfach bei unserer eigenen Versöhnung stehen bleiben, wir müssen das weiter tragen. Wir müssen vorwärts gehen.“
Am letzten Abend kamen wir alle zur Feier des Abendmahls zusammen. Die Jugendlichen teilten Brot und Wein an die Eltern aus. Das sakramentale Mahl, das von Israelis und Palästinensern gemeinsam gefeiert wurde, stand nicht nur dafür, das Leben und den Weg Jesu anzunehmen, sondern auch für die voraussetzungslose Tischgemeinschaft, zu der jeder von Jesus eingeladen ist. Versöhnung ist der fruchtbare Boden, der Vergebung möglich macht, und Toleranz wird genährt von dem Wissen um das Leiden des Nächsten. Um die alten Vorurteile zu überwinden, müssen wir zu einer neuen Art von Vorurteil kommen: dem Vor-Urteil, Liebe zu haben für einen, dessen Gesicht wir jetzt erst sehen können, dessen Namen wir jetzt erst verstehen und dessen Geschichte wir jetzt erst hören.
Junge Erwachsene bauen Brücken Von Nussi Khalil, Koordinatorin der Arbeit unter jungen Erwachsenen Eine Gruppe junger Erwachsener, zehn Norweger, zehn Israelis und zehn Palästinenser, fuhren am Ende des Sommers nach Norwegen, um ihren Weg der Versöhnung zu beginnen. Die Brückenbauer begannen ihren Trip mit drei Tagen Camping auf Steilene, einer Insel im Oslofjord. Sie wurden einander vorgestellt und ihre Beziehung begann mit dem Zeltaufbau und später -abbau im Regen. Von Anfang an gab es Aktivitäten zur Teambildung, kulturübergreifende Kommunikation, Lehre über Versöhnung, Spiele, Diskussionen, Gebet und Gottesdienst. Von hier aus fuhren wir weiter nach Valdres in den norwegischen Bergen, wo es weiterging mit intensiven Vorträgen über Angst, Vergebung und Macht. An den sog. Kulturabenden erfuhren wir etwas über das Erbe der anderen. Die Israelis zeigten uns, wie es war, in das Land einzuwandern; die Palästinenser parodierten eine Hochzeit, und die Norweger zogen ihre Tracht an, spielten traditionelle Musik und Spiele. In diesen Tagen in Valdres gab es auch besondere Theatereinheiten, „Theater der Unterdrückten“ genannt. Während der Rollenspiele diskutierten die Zuschauer, was passierte. Das war eines der Highlights für mich und für viele andere Teilnehmer, denn wir konnten hier quasi mitverfolgen, wie bestimmte Gegebenheiten bei unseren Freunden überhaupt entstanden und über die Folgen unseres Handelns im wirklichen Leben sorgfältiger nachdenken. Wir konnten in die Schuhe der Unterdrücker steigen und in die der Unterdrückten und verstehen, was mit diesen Rollen verbunden ist und welches Gefühl damit einhergeht. Von dieser Aktion habe ich so viel gelernt: manche Situationen subjektiver anzusehen und zu sympathisieren mit Positionen, die ich vorher nie bedacht hatte.
Den Rest der Zeit verbrachten wir in Gastfamilien in Oslo und teilten mit ihnen unsere Erfahrungen. An dieser Reise teilnehmen zu können, war ein Segen: die Möglichkeit zu haben, viele Gefühle zu erkennen und mitzuteilen. Ich bin sehr dankbar, das Theater der Unterdrückten kennen gelernt zu haben. Es vertieft das gegenseitige Verstehen bei uns Brückenbauern, denn hier sind viele in der Lage, sich zu öffnen. Ich hoffe, noch mehr Projekte wie dieses organisieren zu können und ich wünsche mir ähnliche Ergebnisse.
Diese Fahrt wurde organisiert und unterstützt durch die Partnerschaft zwischen Musalaha, der Palästinensischen Bibelgesellschaft, dem Caspari-Center, dem Norwegischen Kirchlichen Israeldienst und der Evangelisch-Lutherischen Freikirche Norwegens.
Familie Munayer verändert sich Musalaha wurde vor 20 Jahren gegründet, als Jack geboren wurde. Über die Jahre wuchs die Familie, und Daniel, John und Sam vervollständigten die Familie Munayer. Jack könnte in Großbritannien studieren, hat sich aber zuerst für ein Arabisch-Studium in Jordanien entschlossen. Daniel geht noch ein Jahr zur Schule. John und Sam sind beide Top-Schwimmer des Landes in ihrer Altersklasse. Salim unterrichtet immer noch am Bethlehem Bible College und leitet Musalaha. Kay ist beschäftigt wie immer mit den Söhnen und Wohltätigkeitsarbeit.
Schweiz: Musalaha, c/o amzi, Postfach UBS: Kto-Nr. 0292-IQ136862.0 Postcheque: Kto-Nr. 40-33695-4 (mit Vermerk «Musalaha»)
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