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Ist Frieden möglich?

Interview mit Dr. Moshe Amirav

Von Hanspeter Obrist

 

Dr. Moshe Amirav, wer sind Sie?

Ich bin Dozent für politische Wissenschaften und leite das Beit Berl College bei Kfar Saba. Wir haben ein spezielles Programm für Leute im öffentlichen Dienst und schulen sie in israelischer Politik. Ein wichtiges Thema ist dabei der Friedensprozess im Nahen Osten. Ich war viele Jahre in verschiedensten Positionen aktiv, unter anderem habe ich mit Teddy Kollek zusammengearbeitet, als er Bürgermeister von Jerusalem war. Ich war einige Jahre lang für den Straßenbau verantwortlich. Außerdem war ich Berater von Premierminister Barak und an den Friedensverhandlungen von Camp David 2000 über die Jerusalemfrage beteiligt. Jerusalem ist sowohl mein Fachgebiet als auch meine große Liebe. Ich habe einige Bücher und Artikel darüber geschrieben.

 

Sind Sie in Israel aufgewachsen?

Nein, ich bin in Russland geboren. Meine Eltern flüchteten vor den Deutschen nach Sibirien. Dort wurde ich geboren. Ich kam 1949 als Kind nach Israel, ging hier zur Schule und trat danach einer Elitetruppe beim Militär bei. Ab 1967 kämpfte ich in allen Kriegen, die Israel geführt hat. Im 67er Krieg wurde ich verwundet. Ein Metallsplitter drang unterhalb des Auges in meinen Kopf ein. Als ich im Krankenhaus war, hörte ich, dass die Klagemauer kurz vor der Befreiung stand. So riss ich aus, da ich unter allen Umständen bei diesem Ereignis dabei sein wollte. Das Bild der Befreiung sehe ich immer noch vor mir. Danach kehrte ich ins Krankenhaus zur Operation zurück.

 

Wie entwickelte sich Ihr politisches Engagement weiter?

In meinem Wohnzimmer haben sich während einiger Jahre im Geheimen Leute beider Seiten getroffen, um eine Lösung für diese Region zu finden. Ich glaube, dass Frieden möglich ist. Ich arbeitete mit Shimon Peres, Ehud Barak und Premierminister Jitzchak Schamir zusammen. Um den Friedensprozess weiter zu fördern, tue ich alles. Ich war sogar bei Arafat in Tunis. Vieles habe ich getan, weil ich glaubte, dass es zum Frieden beitragen würde. Ich bin der Überzeugung, dass wir zuerst die Besetzung beenden müssen und dann eine Form des Friedens zwischen uns finden müssen. Für mich ist es wichtig, dass die arabische Welt uns akzeptiert. Die Araber betrachten uns als Kolonialisten und Fremde. Sie sind bis heute nicht bereit, uns zu akzeptieren. Das bereitet mir große Sorge.

 

Sie haben einige Bücher über das Jerusalem-Problem und Lösungsvorschläge dazu geschrieben. Warum scheiterte der Friedensprozess in Camp David?

Viele Leute wissen nicht, dass wir in Camp David kurz vor der Lösung des Problems standen. Im Grunde war das einzige Problem zwischen uns der Tempelberg. Und da ging es um ein Heiligtum und nicht um das Land. Über alles andere konnte man reden. Meiner Meinung nach müssen wir eine internationale Lösung für den Tempelberg und die Altstadt Jerusalems finden. Nach meiner Vision könnte Jerusalem eine Stadt des Friedens sein. Jerusalem hat mehr Kriege erlebt als jede andere Stadt in der Welt. Doch es gibt einen Weg. Ich habe mit vielen Palästinensern, dem Prinzen Hassan bin Talal von Jordanien, mit einem ägyptischen Parlamentarier und mit dem König von Marokko gesprochen. Gemeinsam mit all diesen Leuten können wir eine Lösung finden. Es darf nicht mehr um die Frage gehen, wem Jerusalem gehört. Solange Israelis und Palästinenser sagen, dass die Stadt nur ihnen gehört, werden wir keine Lösung finden. Es ist ein besonderer Ort, und wir müssen neue kreative Ideen finden.

 

Wäre nicht für viele Israelis der Tempelberg das Letzte, das sie aufgeben würden?

Der Tempelberg ist eine Art Symbol. Doch die meisten Israelis gehen nicht auf den Tempelberg, obwohl es möglich ist. Die religiösen Juden haben sogar verboten, auf den Tempelberg zu gehen. Letztlich müssen wir entscheiden, was uns wichtiger ist, wenn es möglich wäre, mit der muslimischen Welt Frieden zu haben. Ich bin bereit, den Tempelberg als einen heiligen Ort an eine neutrale internationale Instanz abzugeben. Viele israelische Führer waren dazu bereit, sogar Herzl.

Ich habe den Likud verlassen, weil mir klar wurde, dass wir das Land nicht halten können. Viele kamen später zur selben Überzeugung. So auch Ariel Scharon und Ehud Olmert. 67 Prozent der Israelis sind bereit, Land abzugeben.

 

Was fasziniert Sie an der Organisation Beth Netanel, mit der amzi einen Partnerschaftsvertrag hat?

Sie müssen die messianische Jüdin Rachel Netanel kennen lernen und sehen, was sie mit vielen Israelis hier tut. Mich fasziniert ihr Mut. Sie ist bereit, gegen den Strom zu schwimmen. Sie glaubt, dass sie durch den Glauben an Jesus Christus Brücken bauen kann zwischen den Menschen. Ich schätze dies. Auch ich habe einen Glauben, dass dies möglich ist, obwohl ich nicht Jesus nachfolge. Sie erreicht Araber und Juden und bringt sie zusammen. Das brauchen wir hier in Israel. Wir haben zu viele Gräben und Konflikte. Wir müssen Brücken schlagen, und das macht sie sehr gut. Friede ist für mich die wichtigste Sache. Ich denke, dass wir diese Art von Dienst, wie ihn Rachel tut, in Israel unterstützen sollten. Sie hat es nicht leicht, denn sie spricht in eine angespannte Atmosphäre hinein aufgrund dessen, was Christen Juden angetan haben. Wir müssen diese Angst vor Jesus loslassen, denn Rachel leistet ausgezeichnete Arbeit.

 

Was unterscheidet sie von dem, was andere tun?

Sie hat die Gabe, andere zu erreichen, indem sie sie in ihr Leben hineinschauen lässt, als eine sehr einfache marokkanische Frau. Sie besitzt ein einzigartiges Temperament und viel Energie. So hoffe ich, dass sie viele Leute unterstützen. Sie erfüllt eine sehr wichtige Aufgabe. Ich werde alles tun, Menschen zu ermutigen, ihr dabei zu helfen.

 

Viele Christen sind ängstlich, ihren Glauben mit Juden zu teilen. Wie denken Sie darüber?

Christen und Juden haben eine lange konfliktreiche gemeinsame Geschichte. Es ist Zeit, diesen Konflikt zu beenden, Frieden zu finden und einander zu vergeben. Besonders die Juden müssen vergeben. Wenn wir einander vergeben, dann können wir eine neue Welt schaffen. Das ist die Welt, auf die ich warte. Das ist mein Traum. Ich möchte Frieden sehen zwischen Juden, Christen und Muslimen. Ich lebe in Jerusalem, weil hier die Kämpfe stattfanden, und die Hoffnung auf Frieden hier liegt. Jerusalem ist nach der Bibel die Stadt des Friedens.

 

Was sollten Christen tun?

Sie sollen nach Israel kommen und uns besuchen. Viele interessante Dinge geschehen in Israel. Sie sollten Leute wie Rachel kennen lernen. Rachel ist eine Botschafterin. Sie können ihr helfen, indem sie sie besuchen und sie unterstützen. Dies sind die Kontakte, die die Christen haben sollten in Israel.

Ich glaube, dass wir durch Glauben eher Frieden bekommen werden, als durch säkulare Politik. Der Politik sind enge Grenzen gesetzt. In der Politik glaubt man normalerweise nur an die Macht. Doch ich glaube an die Macht der Liebe, die Macht Gottes und an die Macht der Versöhnung. Wir können die Herzen der Politiker berühren. Wenn jeder etwas für den Frieden tut, kommen wir ihm näher.

 

Möchten Sie den Christen noch etwas sagen?

Es ist sehr interessant, dass das Problem heute nicht zwischen Juden und Christen liegt, sondern zwischen Juden und Muslimen. In der Geschichte hatten die Juden bis jetzt nie Probleme mit den Muslimen, sondern immer nur mit den Christen. Heute ist es anders.

Christen sollten darauf achten, was Jesus Christus sagte: Jesus war ein Jude. Er sprach von Liebe und wurde von den Römern gekreuzigt.

Heute ist ein historischer Moment für die Christen in der Welt. Ich wünsche mir, dass Christen durch ihre Kontakte Versöhnung zwischen der muslimischen Welt und den Juden stiften. An Beth Netanel fasziniert mich, dass sich hier Juden und Araber versöhnen.

 

 

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