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Israel entstand vor Herzl
Christen mit einer Vision für Israel

 

Von Hanspeter Obrist

Im 17. Jahrhundert kam durch die Verkündigung bibelorientierter Christen die Erwartung der nahen Wiederkunft Jesu auf. Die lateinische Schrift „Apocalypsis Apocalypseos“ des englischen Theologen Thomas Brightman (1562-1607) wurde 1609 in der Schweiz veröffentlicht. Brightman vertrat darin die Idee der Wiederherstellung Israels, und dass die Juden als eine christliche Nation nach Palästina zurückkehren werden, um ihr Königreich wiederherzustellen. Als Henry Finch (1558-1625) sein Buch „Die große Wiederherstellung der Welt“ 1621 in London herausgab, wurde er dafür ins Gefängnis geworfen. Es war das erste Mal in der Geschichte des Zionismus, dass ein Mensch für die offene Unterstützung der Idee der Rückkehr des Volkes Israel mit seiner Freiheit bezahlen musste. Um seine Haftentlassung zu erwirken, musste er einige seiner Aussagen widerrufen und sich entschuldigen. Das jüdische Volk wurde bei Christen auf einmal als eine ernstzunehmende Nation wahrgenommen.

 

Vordenker in Deutschland

Philipp Jacob Spener (1635-1705), der Vater des Pietismus, plädierte neben seinen kirchlichen Reformen auch für einen neuen Umgang mit den Juden. Spener warb in den neu entstandenen Gebets- und Gemeinschaftsgruppen dafür, für die Juden zu beten und ihnen in tätiger Liebe zu begegnen. Daraus entstand ein positiveres Verhältnis zu Juden. Johann Albrecht Bengel (1687-1752) legte mit seiner endzeitlichen Bibelinterpretation die Grundlagen für eine neue Naherwartung der Wiederkunft Jesu in Deutschland. Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817) glaubte und verkündete prophetisch einen israelischen Handelsstaat im damaligen Palästina (vgl. Messianisches Zeugnis 2006/2 Seite 4).

 

Erez Israel im Blickfeld

In England entstand 1809 eine Missionsgesellschaft, die sich der Juden annahm. Auf dem Kontinent nahm Basel als freie Stadt eine Vorreiterrolle ein. Christian Friedrich Spittler (1782-1867), der Sekretär der „Christentumsgesellschaft“ und Gründer verschiedenster Werke, sorgte dafür, dass 1812 jüdische Kinder in Basel eine Ausbildung erhielten und 1820 die erste Judenmissionsgesellschaft auf dem Kontinent gegründet wurde. Samuel P. Preiswerk, Mitglied im „Verein der Freunde Israels“ und späterer Münsterpfarrer in Basel, schlug schon 1838 die Bezeichnung „Erez Israel“ für das Gebiet eines künftigen jüdischen Staates vor.

1840 gründete Spittler die „Pilgermission St. Chrischona“. Diese Ausbildungsstätte hatte zum Ziel, jungen Handwerkern eine theologische Ausbildung zu geben, damit sie durch Bibelstunden den Glauben weitertragen konnten. Spittler lag nicht nur das himmlische Jerusalem am Herzen. Von den ersten Jahrgängen seiner Absolventen sandte er 1846 Ferdinand Palmer und Conrad Schick aus Württemberg in das damalige Palästina aus. Ihnen folgten weitere deutsche Brüder im Rahmen des 1842 gegründeten „Palästina-Vereins in Basel“. Sie arbeiteten eng zusammen mit dem Schweizer Bischof Samuel Gobat (Amtszeit 1846-1897) vom Protestantisch-Preußisch-Anglikanischen Bistum in Jerusalem. Gobats Beziehungen zur türkischen Regierung waren hervorragend. Er war der Erste, der deutsche Diakonissen ins Heilige Land brachte. Diese Schwestern errichteten ab 1851 Schulen und waren in Gesundheitsorganisationen und in der Sozialarbeit tätig. 1866 entwarf Conrad Schick für die Kaiserswerther Diakonissen das Kinderkrankenhaus „Talitha Kumi“. Die Konsulate von Deutschland und Österreich schützten die alteingesessene jüdische Bevölkerung der Stadt vor türkischen Übergriffen.

 

Deutsche Templerbewegung

Als zweite deutsche Bewegung traf die „Templer-Gesellschaft“ aus dem Raum Stuttgart mit Christoph Hoffmann, einem ehemaligen Mitarbeiter von Spittler, 1868 in Haifa ein. Ihr Ziel war es, den Nahen Osten für die Wiederkunft Jesu vorzubereiten. Sie bauten landwirtschaftliche Siedlungen in Haifa, Jaffa und Jerusalem auf. Doch innerhalb der deutschen Siedlungen kam es zur Spaltung wegen der Frage der Dreieinigkeit Gottes. Hoffmann wurde der geistliche Leiter der Templer, während sich die „Kirchler“ der lutherischen Kirche anschlossen. Die deutschen Siedler waren wesentlich an der Entwicklung einer lokalen Landwirtschaft sowie am Aufbau einer ersten Infrastruktur im Land beteiligt. Der Bau der ersten befahrbaren Straße zwischen Jerusalem und Jaffa ist ihnen zu verdanken.

 

Deutsche Schlüsselfiguren

Die Türken im Land machten den jüdischen Immigranten das Leben schwer. Nur mit hohen Schmiergeldern war es Letzteren möglich, Grundstücke zu erwerben. Nach dem Sondervertrag von Preußen mit den Türken vom 7.6.1869 war es den Deutschen jedoch gestattet, Grund zu erwerben. Die Chrischona-Brüder Johann Frutiger als Bankier und Conrad Schick als Architekt kauften und bebauten daher die Grundstücke in Mea Schearim (1875) und Machane Jehuda außerhalb der Altstadt von Jerusalem. Die Häuser überließen sie den jüdischen Immigranten in einer Art Mietkaufvertrag. Schick wurde durch sein handwerkliches Geschick zum Stadtbaumeister von Jerusalem. Zahlreiche Bauten außerhalb der Stadtmauer entstanden unter seiner Regie. Darüber hinaus machte er auch einige archäologische Entdeckungen. 1896 erhielt Schick von der Universität Tübingen die Ehrendoktorwürde. Johann Frutiger (1836-1899) war wesentlich an der Finanzierung der Bahnlinie zwischen Jaffa und Jerusalem beteiligt.

 

Positive Konkurrenz

Die deutschen Brüder bauten verschiedenste soziale Einrichtungen auf. Den Juden missfiel dies. Sie wollten nicht, dass Juden bei Protestanten ein- und ausgingen, was sie dazu anspornte, selbst für ihre Ärmsten zu sorgen. Daher kam vor allem die arabische Bevölkerung in den Genuss der protestantischen Hilfe. Letztlich wurde dadurch aber die Grundversorgung aller Einwohner angehoben.

Der ehemalige Lehrer von Chrischona und Leiter des Brüderhauses in Jerusalem, Johann Ludwig Schneller, nahm sich nach dem Massaker an den Christen in Syrien 1860 der dort zu Waisen gewordenen Kinder an und holte sie nach Jerusalem. Martin Flad wurde 1854 zu den Falascha, den Juden in Äthiopien, entsandt. Unter seiner Leitung entstand dort eine „messianische Bewegung“.

 

Christen an der Seite Herzls

Die russischen Pogrome (Verfolgungen ab 1881) zwangen viele Juden, eine neue Heimat zu suchen. Die meisten wanderten nach Amerika aus. Nur wenige kamen nach Palästina.

Ab 1874 arbeitete William Hechler (1845-1931) als Hauslehrer am Hof des Großherzogs Friedrich I. von Baden. 1885 war er Kaplan an der englischen Botschaft in Wien. Durch seine Beziehungen in den oberen Gesellschaftsschichten sowie durch die Tatsache, dass er durch den Dienst seines Vaters als Judenmissionar mit der Liebe zum jüdischen Volk konfrontiert worden war, ermöglichte er Theodor Herzl im Jahr 1898 ein Treffen mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II. in Palästina. Er hatte zu Herzl einen intensiven Kontakt. Einige vermuten, Hechler habe Herzl wesentlich geprägt.

Hechler war auch Gast beim ersten Zionistenkongress 1897 in- Basel, ebenso wie andere Christen, die sich im Hintergrund maßgeblich für den Kongress eingesetzt hatten. Dazu gehörten Paul Kober-Gobat, der sich um die publizistische Verbreitung der zionistischen Ideen kümmerte. In seinem Verlag („Verlag Kober, C.F. Spittlers Nachfolger“) erschien auch das Buch „Das Erwachen der jüdischen Nation“ des Basler Professors Friedrich Heman, der ein Judenchrist war, häufig in der „Welt“ schrieb und im Proselytenhaus vom „Verein der Freunde Israels“ ab 1874 mitwirkte. Bernhard Collin-Bernoulli- (ebenfalls Judenchrist), der 1865 den Konsumverein gründete, stand den Zionisten in Sachen Presse zur Seite. Auch der Gründer des Roten Kreuzes, Henry Dunant, stand hinter der Bewegung, konnte aber am Zionistenkongress nicht teilnehmen.

 

Förderer des Zionismus

Der Zionismus wurde von christlicher Seite und von säkularen Juden gefördert. Orthodoxe und religiöse Juden standen der Idee mehrheitlich ablehnend gegenüber. Allerdings nahm der Antisemitismus ständig zu.

Als Herzl am 8. August 1903 vom russischen Innenminister Plehwe empfangen wurde, sagte dieser: „Die Judenfrage ist für uns keine essentielle, aber doch immerhin eine ziemlich wichtige Frage. Und wir bemühen uns, mit ihr auf eine möglichst gute Art fertig zu werden.“ Ein russischer Minister meinte später, dass er absolut nichts dagegen hätte, wenn man die sechs oder sieben Millionen Juden im Schwarzen Meer ersäufen würde. Um die Juden los zu werden, sicherte Plehwe Herzl seine Unterstützung zu. Erstmals erklärte sich eine Weltmacht offiziell bereit, den Zionisten bei ihren Verhandlungen mit den Türken zu helfen. Plehwe schrieb gar von einem „unabhängigen jüdischen Staat in Palästina“. Doch die Russische Revolution 1917 und die Weltkriege veränderten die Lage erneut.

 

Die Templer und die anderen Werke blieben bis in den Zweiten Weltkrieg hinein im damaligen Palästina. Dann wurden die meisten Deutschen ausgewiesen oder mussten flüchten. Doch es sollte nicht allzu lange dauern, bis wieder deutsche Christen ins Land kamen, die den Juden zur Seite stehen wollten.

 

 

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