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Ihr sollt heilig sein
Von Hanspeter Obrist
„Ihr sollt heilig sein; denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig.“
3. Mose 19,2
Die Aufforderung zur Heiligkeit durchdringt das ganze jüdische Religionsgesetz und schließt jeden Aspekt menschlicher Angelegenheiten und Erfahrungen ein. Es wird unterschieden zwischen der Heiligkeit der Person, der Zeit und des Ortes. Die Heiligkeit der Person umfasst alle persönlichen Lebensbereiche und Beziehungen, die Heiligkeit der Zeit die Gesetze über Schabbat und Festtage. Die Heiligkeit des Ortes spiegelt sich in den Geboten wider, die den Tempel (Hebräisch: Beth HaMikdasch = Haus der Heiligkeit) in Jerusalem betreffen. Die Gebote betreffen auch das Beth HaKnesset (=Synagoge) und des Beth HaMidrasch (=Lehrhaus).
Heiligkeit in den Nationen
Rabbi Chajim HaLevy Donin schreibt im Buch „Jüdisches Leben“: „In der Tradition anderer Glauben und Völker versteht man unter einer heiligen Person gewöhnlich jemanden, der sich vom Leben entfernt hat, der irdische Genüsse und Bestrebungen verachtet und sich von den alltäglichen Problemen des Lebens und der Gesellschaft zurückzieht. Dieses Bild eines Asketen entspricht nicht der jüdischen Vorstellung eines heiligen Menschen. Im Gegenteil ist einzuwenden, dass, obgleich solche Askese nicht verboten ist, das Sich-Lossagen vom Leben und die Übernahme weiterer Verbote in Wirklichkeit sehr ungern gesehen wird“ (S. 40).
Jüdische Heiligkeit
So liegt die jüdische Heiligkeit nicht im asketischen, frommen Rückzug vom Leben oder im übertriebenen Verzicht auf alle menschlichen Freuden. Sie besteht vielmehr darin, am Strom des menschlichen Gemeindelebens mit freudigen und traurigen Erfahrungen voll teilzunehmen, sowie sich keine erlaubten Genüsse vorzuenthalten. Gleichzeitig soll aber ein Sinn entwickelt werden, um das Richtige vom Schlechten, das Wahre vom Falschen, das Gute vom Bösen, das Heilige vom Profanen, das Reine vom Unreinen zu unterscheiden. „Je stärker dieser ethisch-moralisch-religiöse Unterscheidungssinn ausgebildet ist, desto größer die Heiligkeit des Einzelnen“ (Rabbi C. H. Donin, S. 40).
Ausdruck der Heiligkeit
Heiligkeit bedeutet, Herr über seine Leidenschaft zu sein, so dass wir sie beherrschen und nicht sie uns beherrscht (vgl. 1. Mo. 4,7). Daraus entstand in der jüdischen Kultur eine Lebenshaltung, in der jede Handlung Teil des religiösen Lebens wurde. Das Halten der Speisegebote sollte den Menschen darin stärken, auch in anderen Bereichen des Lebens Versuchungen zu widerstehen. So sind die „Kaschrut“ (jüdische Speisegebote) ein Beispiel dafür, wie das Judentum die alltäglichsten Dinge zu einem religiösen Erlebnis gemacht hat. Der Tisch, auf dem die Speisen angerichtet werden, wurde im traditionell-jüdischen Denken dem Altar im Tempel gleich gesetzt (Chagiga 27a). Deshalb wird das erste Stück Brot, das man isst, mit etwas Salz bestreut, gerade so wie dies bei den Opfern vorgeschrieben war. Ebenso wie es verboten war, gewisse Tiere auf Gottes Altar zu opfern, so ist es auch nicht erlaubt, sie auf den Tisch zu bringen. Auch sollen die Gespräche zu Tisch die Tora zum Inhalt haben.
Die strikte Einhaltung der Kaschrut und der jüdischen Feiertage wurde zu einer Schranke in den Beziehungen mit den Menschen aller Nationen und Konfessionen. Dadurch wurde aber auch die Assimilation in eine andere Gruppe verhindert.
Heiligkeit in unserer Zeit
Als Kinder des lebendigen Gottes sind wir aufgefordert, in dieser Welt zu leben, aber nicht mehr Kinder dieser Welt zu sein. So betete Jesus (Joh. 17,14-15+18): „Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hasst sie; denn sie sind nicht von der Welt, wie ich denn auch nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, dass du sie von der Welt nehmest, sondern dass du sie bewahrst vor dem Übel. ... Gleichwie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt.“
Die Herausforderung besteht darin zu erkennen, wo wir unser Umfeld prägen, und wo uns das Umfeld gefangen nimmt. Dabei geht es nicht um äußere Formen und äußere Abgrenzungen, sondern um ein von innen neu gestaltetes Verhalten. Ein gesundes Selbstbewusstsein im Anderssein ist hier angebracht.
Jesus grenzte sich von den Sündern nicht ab, um heilig zu sein, sondern begegnete ihnen in seiner Heiligkeit mit viel Liebe. Ein Rückzug aus der Gesellschaft entspricht nicht unserem Auftrag, Gesandte Gottes in dieser Welt zu sein. Unsere Heiligkeit muss sich gerade im täglichen Leben bewähren. In dieser Hinsicht können wir vom jüdischen Verständnis von Heiligkeit lernen.
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