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Gott wurde Mensch

 

Von Hanspeter Obrist

Kein Thema spaltet Juden und Christen so sehr wie die Frage, ob Gott Mensch wurde. Eine Lesung über 1. Mose 18 eines Rabbiners gab mir dabei einen Denkanstoß. Für den Rabbiner warf der Text mehr Fragen auf, als er Antworten geben konnte. Mich forderte die Frage heraus nachzuforschen, ob es schon im Tenach, im Alten Testament, Hinweise gibt, dass Gott Mensch werden wollte.

 

Gott kommt als Mensch

In 1. Mose 18 erschien Gott (JHWH, Verse 1; 13; 14; 17; 18) dem Abraham. Es wird beschrieben, dass Abraham drei Männern begegnete (V. 2; 16). Später gingen zwei Männer weg nach Sodom (V. 22), einer blieb zurück. Es heißt dann: „Abraham blieb stehen vor dem Herrn“ (V. 22b). Folglich muss der verbliebene Mann Gott (JHWH) gewesen sein. Offensichtlich ist Gott hier Abraham als Mensch erschienen. Wenn das möglich war, warum sollte es Gott nicht möglich sein, Mensch zu werden? 

 

Gott zeugt einen Menschen

Nach Psalm 2,7 wird der Messias von Gott gezeugt. Hier lesen wir: „Kundtun will ich den Ratschluss des Herrn (JHWH). Er hat zu mir gesagt: ‚Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt’.“ Die Rabbiner beziehen diesen Vers auf den Messias, so in Talmud Sukkah (52a) und in Midrasch Tehillim. Der Messias wird also von Gott gezeugt. Bei der Zeugung verschmelzen sich zwei zu einem. Weshalb sollte der Messias nicht Mensch und Gott zugleich sein?

 

Göttliche Attribute

In Jesaja 9,5 steht: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und man nennt seinen Namen: Wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Fürst des Friedens.“ Dieses Kind wird den Thron Davids festigen bis in Ewigkeit. Diese Titel sind ausschließlich Gott vorbehalten, was auch Juden bestätigen. So lässt der Text keine andere Deutung zu, als dass ein Kind geboren wird, das mit Gott identifiziert wird. Oder eben dass Gott Mensch wird. Jesus sagte: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh. 14,9). Jesus identifiziert sich also selbst mit Gott, dem Vater.

 

Das Wunder seiner Geburt

Um 250 v. Chr. übersetzten jüdische Schriftgelehrte den Tenach ins Griechische. In dieser Übersetzung, bekannt als Septuaginta, wird nach Jesaja 7,14 eine Jungfrau schwanger werden und der Sohn wird als Immanuel (Gott mit uns) bezeichnet. Das strittige hebräische Wort „alma“ kann als Jungfrau oder auch junge Frau übersetzt werden. Es wird jedoch nie in der Bibel für eine Frau verwendet, die nicht Jungfrau ist. Für die damaligen Gelehrten war scheinbar klar, dass es sich um eine Jungfrau handeln musste, um ein Zeichen Gottes zu sein. Tatsächlich wurde die Jungfrau Maria schwanger. Dies widerspricht den Gesetzen der Natur und war somit ein Wunder. Die einzige Erklärung ist, dass die Zeugung nicht menschlich, sondern göttlich war.

 

Die Herkunft

Noch schwieriger zu verstehen ist Micha 5,1: „Du Bethlehem … aus dir wird hervorgehen, der Herrscher über Israel sein soll; und seine Ursprünge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her.“ Wie kann ein menschlicher Herrscher mit gewöhnlichem Geburtsort schon vor seiner Geburt ewige Ursprünge haben?

Ebenso kompliziert ist Psalm 110,1: „Spruch des HERRN (JHWH) für meinen Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde gemacht habe zum Schemel deiner Füße!“ Psalm 110 spricht vom verheißenen Messias. Doch wie kann David ihn Herr nennen, obwohl dieser Messias ein Nachkomme von ihm sein wird? Auch Jesus wies auf den paradoxen Inhalt dieses Satzes hin (Matth. 22,44).

 

Fazit: Gott wurde Mensch

Mit unserer menschlichen Logik ist dies nicht erklärbar. Die verschiedenen Tenachstellen lassen aber nur den Schluss zu, dass der Messias gleichzeitig Mensch und Gott ist. Jesus sagte: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh. 10,30). Im Menschen Jesus wurde Gott für uns Menschen erlebbar. Jesus war ganz Mensch, mit menschlichen Eigenschaften wie Hunger, Durst, Müdigkeit und Trauer. Gleichzeitig war er aber auch Gott. Deshalb ist in seinem Reden und Handeln Gott, der Vater, erkennbar. Letztlich können wir dieses Wunder nicht erklären, sondern nur im Glauben annehmen (Joh. 14,11.20).

 

Ganz Mensch

Jesus hatte auf dieser Erde nur die Möglichkeiten eines Menschen, der in der ungetrübten Verbindung mit Gott lebte. Wir haben dasselbe Potential, wenn wir aus seiner Vergebung leben. Unser größtes Problem ist, dass sich unser Wille oft nicht dem Willen Gottes unterordnet. Uns fällt es sehr schwer, uns zu demütigen, nicht unsere Rechte einzufordern und vollkommen von Gott abhängig zu sein. Wann hören wir damit auf, selbst Götter sein zu wollen, und werden Menschen nach Gottes Willen?

 

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