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Falsche Erwartungen
Jesus in Nazareth (Lukas 4,16-30)

 

Von Hanspeter Obrist

Eines Tages kam Jesus wieder in seine Heimatstadt Nazareth. Am Schabbat ging er wie gewohnt in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Heiligen Schrift vorzulesen, reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja (Lk. 4,16-17).

 

Die außergewöhnliche Haftara-Lesung

Im Exil in Babylon begannen die Juden, sich in Synagogen zu treffen. Diese gute Tradition wurde auch nach der Rückkehr nach Israel beibehalten. Nach Nehemia 8,2 begannen die Juden am 1. Tischri, die Tora abschnittsweise zu lesen und in die Landessprache zu übersetzen. Diese Lesungen wurden dann auf das ganze Jahr aufgeteilt.

Als fremde Herrscher den Juden das Lernen der Tora verboten, ordneten die Rabbiner jeder Toralesung einen Abschnitt aus den Prophetenbüchern zu, der eine inhaltliche Nähe besaß. Dies geschah wahrscheinlich unter der Herrschaft von Antiochus Epiphanes, vor dem Aufstand der Makkabäer 166 v.Chr. Diese Haftarot (Einzahl: Haftara), die Texte aus den Propheten, wurden dann statt der (verbotenen) Toraabschnitte gelesen. Als das Verbot des Toralernens aufgehoben wurde, hat man die Lesung der Haftarot beibehalten, so dass seither jeder Toralesung eine Haftara folgt.

Als Jesus die Synagoge von Nazareth besuchte, war wahrscheinlich der Tora-Abschnitt von 5. Mose 29,9 - 30,20 an der Reihe, wo dem Volk vor Augen gemalt wird, dass ihre Entscheidung für oder gegen Gott Auswirkungen auf ihr Leben haben wird. Jesus wurde aufgefordert, die Haftara aus Jesaja 61 zu lesen. Er begann mit den Versen 1 und 2, brach in Vers 2 mitten im Satz plötzlich ab und setzte sich. Alle blickten ihn erwartungsvoll an. Was sollte das bedeuten? Da sagte Jesus: „Heute hat sich diese Voraussage des Propheten erfüllt“ (Lk. 4,21). Alle stimmten ihm zu und waren verwundert, mit welcher Vollmacht und Gnade der Sohn Josefs sprach.

Spannend ist die Tatsache, dass der Heilige Geist erst kurz zuvor bei der Taufe von Jesus sichtbar auf ihn gekommen war, genau wie er dann las: „Der Geist des Herrn ist auf mir“ (Lk. 4,18). Außerdem sagte Jesus nur vom ersten Teil von Jesaja 61, den er vorgelesen hatte, er sei jetzt in Erfüllung gegangen. Der Tag des Gerichts – von dem die Fortsetzung spricht – würde erst später kommen. 

 

Die Herausforderung

Als Jesus fortfuhr, schlug die Stimmung aber um. Er sagte: „Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, hilf dir selbst! In Kapernaum hast du große Wunder getan. Zeig auch hier, was du kannst!“ (Lk. 4,23).

Warum sollte Jesus sich selbst helfen? War er so gezeichnet von unserer Krankheit und unseren Sünden, die er trug (Jes. 53,3-4)? War sein Vater schon gestorben? Wir wissen es nicht.

Jedenfalls schien Jesus vom Leben gezeichnet zu sein. Er stand mit beiden Beinen auf der Erde, und die Leute kannten das Leid in seinem Umfeld. Wollte Jesus den Leuten von Nazareth aufzeigen, dass sie eine falsche Erwartung in ihn hineinprojizierten? Er wusste um die andere Dimension des Lebens. Er sprach hier die Versuchung an, die ihm der Teufel unmittelbar zuvor vor Augen gemalt hatte (Lk. 4,1-13). Sie bestand darin, sich selbst zu helfen und nicht Gott zu vertrauen, dass er es gut meint, sowie nicht auf „Gottes Zeit“ zu warten. Auch auf dem Höhepunkt seines Weges riefen ihm die Leute zu, dass er sich selbst retten solle (Lk. 23,35). Jesus widersteht der Versuchung, seine Macht zugunsten seiner selbst und losgelöst vom Willen des Vaters einzusetzen. Für ihn waren der Gehorsam und das Vertrauen in den Vater wichtiger (vgl. Heb. 5,8). Sein Wille soll geschehen (vgl. Lk. 22,42). So dürfen auch wir uns Gott anvertrauen, auch wenn er uns durch herausfordernde Zeiten führt (vgl. Lk. 4,1).

 

Das Heilsangebot

Jesus erwähnte, ein Prophet habe es im eigenen Umfeld schwer. Er erinnerte an Elia und Elisa, wo einzelne nichtjüdische Menschen vom Heil profitierten, während das jüdische Volk leer ausging (Lk. 4,24-27). Nach diesen Worten entstand ein Aufruhr. Wie konnte Jesus es wagen, so etwas zu behaupten? Jesus sprach damit eine Prophetie über sein Leben aus. Vom eigenen Volk würde sein Aufruf zur Umkehr nicht verstanden werden. Doch seine Botschaft würde zum Heil der Nichtjuden werden. Bis heute wirbt Jesus um sein eigenes Volk. Durch alle Zeiten hindurch haben Einzelne aus den Nationen und aus dem jüdischen Volk die Botschaft von Jesus verstanden, so dass sich jetzt die biblischen Prophezeiungen erfüllen: Armen wird die frohe Botschaft verkündet und gebrochene Herzen werden verbunden. Jetzt ist die Gnadenzeit Gottes, wie es Jesus aus Jesaja 61,2 vorlas. 

 

 

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