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Die Wahrheit ist nicht auf unserer Seite

 

Von Catherine Meerwein

 

Chrischona und die äthiopischen Juden

Der Deutsche Johann Martin Flad (1831-1915) reiste 1854 im Auftrag der Pilgermission St. Chrischona zum ersten Mal nach Abessinien, dem heutigen Äthiopien. Dort lernte er die Falascha kennen, eine Volksgruppe, die sich wie die übrigen Abessinier als Nachkommen von König Salomo und der Königin von Saba sehen. Während ein Großteil der Abessinier schon in den ersten Jahrhunderten den christlichen Glauben annahm, blieben die Falascha ihrem alttestamentlichen Glauben treu. Sie werden heute als Juden anerkannt. Die Abessinier sprachen Amharisch. Die äthiopische Hochsprache dagegen verstanden im 19. Jahrhundert nur die wenigsten.

 

Falaschamission

Flad baute zusammen mit der Londoner Judenmissionsgesellschaft ab 1860 eine Arbeit unter den Falascha auf. Allerdings musste er 1868 das Land verlassen, nachdem er viereinhalb Jahre in Gefangenschaft verbracht hatte, und erhielt danach nie mehr eine Einreisegenehmigung. Für den abessinischen König waren Europäer in seinem Land unerwünscht. So führte Flad die Arbeit durch Briefe und Konferenzen mit seinen abessinischen Mitarbeitern weiter. Ein wichtiger Mitarbeiter war Debtera Beru.

 

Ein wissbegieriger Junge

Beru erlernte bereits als zehnjähriger Junge das Weberhandwerk. Er war so fleißig, dass er nach einigen Jahren für den Unterhalt der ganzen Familie aufkommen und sogar eine Milchkuh kaufen konnte. Von Kind auf hielt er sich an alle Gebote seines Glaubens. Er wollte sogar lesen und die äthiopische Sprache lernen, damit er selbst Gottes Wort lesen konnte, das er jeden Schabbat in der Synagoge hörte. Deshalb ging er jeden Tag bei Hahnenschrei in die Schule eines frommen, christlichen Gelehrten in Dschenda.

 

Klüger als sein Lehrer

Am Tag ging er weiterhin seiner Weberarbeit nach und lernte während des Webens alle Psalmen in äthiopischer Sprache auswendig, dazu die äthiopische Grammatik und das Lexikon. In wenigen Jahren beherrschte er das Äthiopische so perfekt, dass die Falaschapriester in Dschenda am Schabbat und an andern jüdischen Festtagen ihn öffentlich vorlesen und die Schriftabschnitte für den Tag ins Amharische übersetzen ließen.

Am 7. Januar 1861 tauchte Berus Name das erste Mal auf der Liste mit den Namen der Hörer auf, die sich um die Mitarbeiter der Londoner Judenmission versammelt hatten. Bruder Bronkhorst erzählte, dass unter den an jenem Tage erschienenen Falascha Beru noch zurückblieb, als alle anderen schon weggegangen waren. Nachdem Bronkhorst ihm Jesaja 65 und Römer 12 vorgelesen und erklärt hatte, bat Beru, ihm einen sicheren Beweis dafür zu geben, dass nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem keine Opfer mehr dargebracht werden sollten.

 

Flad hat Recht

Von da an besuchte Beru regelmäßig Bronkhorst und Flad. Flad schrieb: „Unvergesslich bleibt mir der Tag, an dem Beru mit 25 andern Falascha zu mir kam, unter denen sich zwei Priester und einige Gelehrte befanden. Von 9 Uhr morgens bis Sonnenuntergang fochten sie, mit der offenen Bibel vor sich, und Beru war ihr Wortführer. Weissagung auf Weissagung wurde verlesen und besprochen.“ Es wurde dunkel, als Beru sich erhob und sagte: „Liebe Brüder, die Wahrheit ist nicht auf unserer, sondern auf Vater Flads Seite. Mose und unsere eigenen Propheten sind gegen uns. Christus ist der Sohn Gottes, der Messias Israels, die Versöhnung für unsere Sünden. Ich kann mir nicht helfen, unsere eigene Bibel sagt uns das.“ Schweigend erhoben sich alle und gingen davon.

 

Lärm in der Synagoge

Am folgenden Schabbat legte Beru in der Synagoge ein offenes Bekenntnis von seinem Glauben an Christus vor der jüdischen Gemeinde ab. „Es ist das letzte Mal, dass ich hier sein werde“, sagte er, „nicht durch die Lehren der Missionare, sondern durch unsere eigene Bibel bin ich überzeugt worden, dass wir uns im Irrtum befinden. Jahwe ist ein dreieiniger Gott, Jesus ist der Sohn Gottes, der verheißene Messias. Unsere blutigen Opfer sind nutzlos, sie sind ein Gräuel in Gottes Augen; seitdem Christus sich selbst als Opfer für unsere Sünden dargebracht hat, kann niemand ohne ihn selig werden. Ich glaube, dass er mein Heiland ist. Bisher bin ich sein Feind gewesen, jetzt bete ich ihn an und wünsche, sein Knecht zu werden.“ Darauf brach ein großer Lärm los, und schließlich wurde Beru mit denen, die auf seiner Seite standen, geschlagen und aus dem Bethaus getrieben.

Zehn Tage später erkrankte Beru ernsthaft und starb beinahe. Doch durch Gottes Gnade blieb sein Leben erhalten, und er und 20 andere Falascha, Männer und Frauen, wurden regelmäßig unterrichtet und auf die Taufe vorbereitet, die am 21. Juli 1862 stattfand. Flad war Berus Pate und gab ihm den Namen Beru Wolde Paulus.

 

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