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Buße tun - auch für andere?

 

Von Hanspeter Obrist

In manchen christlichen Kreisen erfolgen in regelmäßigen Abständen Aufrufe zur Buße für die Schuld der Vorfahren oder für Regierungen. Doch wie viel mal müssen wir Buße tun für die Schuld anderer? Geht das überhaupt? Diese Frage hat mich herausgefordert.

In 5. Mose 24,16 heißt es: „Die Väter sollen nicht für die Kinder noch die Kinder für die Väter sterben, sondern ein jeder soll für seine Sünde sterben.“

In Hesekiel 18 wehrt Gott sich geradezu leidenschaftlich gegen den Vorwurf, er lasse unschuldige Nachkommen für die Sünden ihrer Vorfahren büßen: „Der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Schuld des Sohnes, sondern die Gerechtigkeit des Gerechten soll ihm allein zugute kommen, und die Ungerechtigkeit des Ungerechten soll auf ihm allein liegen. Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben“ (Hes. 18,2).

 

Gott will jedem neues Leben schenken

Gott hat kein Interesse daran, uns zu verdammen. Er wartet mit brennender Liebe und in unendlicher Geduld darauf, dass wir nicht andere für unser Elend verantwortlich machen, sondern unser eigenes Unrecht einsehen. Damit er uns unsere Schuld vergeben und uns ein neues Leben schenken kann.

Diese Umkehr kann jeder nur für sich ganz persönlich vollziehen. Jeder muss für seine eigene Schuld Gottes Opfer in Anspruch nehmen. Daran führt kein Weg vorbei. Der Gedanke, dass irgendein Mensch stellvertretend für einen anderen Buße tun kann, klingt zwar fromm, ist jedoch nicht biblisch fundiert.

Jeder Mensch muss die Verantwortung für sein Handeln selbst übernehmen. Obwohl Elternhaus und Umfeld einen Menschen prägen, muss er dennoch nicht automatisch die gleichen Fehler wie seine Eltern oder sein Umfeld machen. Genau an dieser Stelle setzt die biblische Botschaft ein: Mit Gottes Hilfe ist es möglich, diesen Lauf zu durchbrechen. Allerdings muss jeder persönlich Buße tun, also Einsicht und Reue empfinden über die eigene Schuld und Sünde und um Vergebung dafür bitten.

 

Biblische Beispiele

Paulus hätte alles dafür gegeben, für sein Volk Buße tun zu können (Römer 9,3). So auch Mose (2. Mose 32,30-33). Sie beide brachten ihr Volk in der Fürbitte vor Gott und baten ihn um Gnade.

Oft werden die Bußgebete von Esra (Esra 9), Nehemia (Neh. 1) und Daniel (Dan. 9,1-19) als Beispiel für eine stellvertretende Buße angeführt. Alle drei stellten sich solidarisch unter die Schuld ihres Volkes und übten Fürbitte aus. Ihr Beispiel ermutigt und ermahnt uns, ebenfalls für unser Volk zu beten und in den Riss zu treten (Hes. 22,30). Aber eine Wendung zum Guten wird erst dann stattfinden, wenn die Betroffenen selbst dem Ruf zur Buße folgen.

Wir sollten vorsichtig sein, dass wir nicht den Eindruck erwecken, wir könnten im Blick auf Schuld und Vergebung Stellvertreter für andere sein. Diese Rolle ist und bleibt allein Jesus vorbehalten (Heb. 8-10). Er allein hat uns durch sein stellvertretendes Leiden und Sterben von allen Sünden und deren Folgen los-gekauft und befreit. Sein Opfer sühnt unsere Schuld und versöhnt uns mit Gott (Heb. 9,26). Wir werden jedoch aufgefordert, dem Bußwilligen die Vergebung zuzusprechen (Joh. 20,23). Wer immer seine Sünden bekennt, erhält Vergebung (1. Joh. 1,9).

 

Aufruf zur Buße

Nach der Bibel sind die Täter dazu verpflichtet, sich zu ihrer Schuld zu bekennen und den angerichteten Schaden so weit wie möglich wieder gut zu machen oder Ersatz zu leisten.

Leider hatten viele Völker unter den „christlichen“ Herrschern zu leiden. Wir sind heute herausgefordert aufzuzeigen, dass wahre Christen sich von Jesus prägen lassen, damit sich die Geschichte nicht in neuer Gestalt wiederholt. Deshalb wollen wir die gute Nachricht von Jesus, dem jüdischen Messias, keinem Menschen vorenthalten. Wer anders als Jesus ist denn in der Lage, sein Volk zu trösten und seine Wunden zu heilen? Wir müssen ganz neu lernen, mit Juden zusammen zu leben und sie nicht aus unserer Gesellschaft auszugrenzen. Wir sind entsetzt, dass es immer wieder zu antisemitischen Ausschreitungen kommt. Hier rufen wir unser Volk zum Umdenken und zur Umkehr (Buße) auf und bitten Gott um Gnade für das jüdische und für unser Volk.

 

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